Donnerstag, 9. Juni 2011

"Warum sollen sie nicht arbeiten dürfen?"

Von Christian Fuchs

Im Hotel, als Hausmeister oder bei einer Imbisskette: In Leipzig absolvieren behinderte Menschen Unternehmens-Praktika. Viel zu lange wurden sie in Werkstätten versteckt. Jetzt lernen Mitarbeiter wie Maryam oder Marcel ganz neue Seiten an sich kennen - oft als Start in einen richtigen Job.

Vor Maryam Omidvar ist kein Krümel sicher. Im schnellen Stechschritt marschiert sie durch den Frühstücksraum eines großen Hotels am Leipziger Hauptbahnhof. Bewaffnet mit einem Lappen, eilt sie aufmerksam zwischen den Tischen umher. Sieht sie irgendwo einen Brötchenrest, feudelt sie ihn sofort weg. Fast niemand der über hundert Frühstücker nimmt Notiz von der kleinen schwarzhaarigen Frau. Wie alle Angestellten des A+O Hostels trägt sie ein blaues Poloshirt, auf dem Rücken steht in großen Buchstaben: "Staff".

Man muss schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass Maryam Omidvar, 20, eine besondere Mitarbeiterin ist. Nur ihr rundliches Gesicht mit den mandelförmigen Augen verrät, dass sie das Down-Syndrom hat. Dieser angeborene Gen-Defekt führt dazu, dass ihre geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sind.

"Doch warum sollte sie deshalb nicht arbeiten dürfen?" Das fragte sich Claudia Kittler von der Diakonie am Thonberg in Leipzig. Seit vier Monaten sucht sie für talentierte Menschen mit Behinderungen aus den Werkstätten des christlichen Sozialunternehmens Praktikumsplätze bei externen Firmen. Durch den Kontakt mit nicht-behinderten Mitarbeitern sollen Teilnehmer wie Maryam Omidvar Selbstbewusstsein gewinnen. Und eventuell über das Praktikum später leichter einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann"

"Eigentlich gibt es keinen Grund, benachteiligte Menschen nur in Behindertenwerkstätten arbeiten zu lassen", sagt Kittler und schaut zufrieden in den Hotel-Frühstücksraum. Ihr Schützling Maryam Omidvar ist das beste Beispiel dafür.

Es ist ihr letzter Praktikumstag. Im vergangenen Monat hat sie sich mehr entwickelt als in der ganzen Zeit davor in der Werkstatt, wo sie Zeitschriften in Umschläge gesteckt hatte. Heute fährt Maryam Omidvar selbständig mit der Tram zur Arbeit. Allein belegt sie Edamer- und Schinkenplatten, und wenn sie Lust hat, schenkt sie Gästen auch schon mal Kaffee nach - das macht sonst kein anderer Hotel-Mitarbeiter.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann", sagt Maryam Omidvar. "Im Hotel zu arbeiten, ist etwas Besonderes - das mache ich mit Herz und damit meine Mama stolz auf mich ist."

Hotel-Manager Hans-Martin Schwarz ist voll des Lobes. Zwar sei Kommunikation nicht ihre Stärke, aber sie renne mehr als die Azubis. "Ihre Motivation und Umsichtigkeit bereichert auch die Arbeit der anderen Mitarbeiter."

Sie fällt auf - vor allem durch ihre Hilfsbereitschaft

Und was sagen die Gäste, von einem Menschen mit Trisomie 21 zum Frühstück begrüßt zu werden? "Sie ist uns sofort aufgefallen, aber zuerst durch ihre Hilfsbereitschaft, dann erst durch ihr Aussehen", sagt Silvia Thür aus Krefeld. Und Astrid Worreschk aus Gera versteht schon die Frage nicht: "Dass sie hier arbeitet, ist kein Problem für uns. Sie ist doch ein Mensch wie jeder andere auch."

Nur einmal habe ein Gast komisch geguckt, erinnert sich die Küchenchefin. Da sei sie dazugekommen, habe Maryam Omidvars Hand genommen und sei mit ihr in die Küche gegangen. Das war's.

Claudia Kittler von der Diakonie teilt diese Erfahrungen. Beim ersten Kontakt mit Firmen fragen die Chefs noch bang, ob die Krankheiten ihrer Klienten ansteckend seien, ob der Arbeitsschutz eingehalten werden könne oder wie viel Extrazeit für die Betreuung der besonderen Mitarbeiter denn so gebraucht werde.

Wenn Kittler dann mit dem Behinderten zum Vorstellungsgespräch kommt, sind alle positiv überrascht. "Dann merken die Unternehmen, dass es da eine Gruppe von Menschen gibt, die sie bisher einfach übersehen haben", sagt Kittler. Bisher habe sie noch jeden Praktikumsplatz bekommen - egal ob bei Burger King im Verkauf, in der Theaterwerkstatt der Oper oder bei der Post.

"Guten Tag, ich möchte gerne Hausmeister werden"
Jede Integration eines geistig Behinderten im ersten Arbeitsmarkt hilft nicht nur einem Schützling Claudia Kittlers, sondern sensibilisiert auch Nicht-Behinderte. Durch die Praktika werden Menschen sichtbar, die ansonsten versteckt ihre nützlichen Arbeiten verrichten: Wer ganz selbstverständlich seinen Whopper bei einem Menschen mit Down-Syndrom kauft, der hat weniger Vorurteile gegenüber dieser Krankheit.

Während des Frühstücks der Mitarbeiter steht Maryam Omidvar leise auf und geht heimlich in die Küche. Hier leert sie die Mülleimer und beginnt dann als Überraschung, eine neue Salami-Platte für den kommenden Tag zu belegen. Als ihre Chefin hinzukommt, stehen ihr Tränen in den Augen. Dann fallen sich die beiden Frauen in die Arme.

Unterdessen steigt Marcel Bergmann am anderen Ende der Stadt, im Neubauviertel Grünau, auf das Dach einer sechzehngeschossigen Platte, Typ PH16. Er will nachsehen, ob die Tür zum Flachdach in 60 Metern Höhe verriegelt ist, damit niemand hier hoch klettern kann. Im Gegensatz zu Praktikantin Omidvar ist Bergmann bereits oben angekommen: Er hilft den vier Hausmeistern des Neubaugebietes bei den täglichen Kontrollgängen in den Hochhausschluchten - als fester Angestellter.

Seit April fest angestellt bei der Wohnungsverwaltung

Auch seine Karriere begann mit einem Praktikum. Nach fünf Jahren als Maler, Maurer und Umzugshilfe in der Baugruppe der Diakonie hatte Marcel Bergmann Lust auf etwas Neues. Im vergangenen September ging er auf eine Jobmesse für benachteiligte Menschen. Als er den gelb-blauen Stand der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) sah, wusste er, was er arbeiten wollte. Sehr langsam und mit Pausen sagte er zu den Mitarbeitern: "Ich möchte gern Hausmeister werden."

Die LWB lud ihn zum Vorstellungsgespräch. Kurz darauf durfte er dort als erster Praktikant mit Benachteiligung zeigen, was er kann. Und schlug sich so gut, dass er seit April 2011 als festangestellte Hausmeister-Hilfskraft arbeitet.

Selbständig läuft der 25-Jährige über die Flure des Plattenbaus und öffnet den Schrank mit dem Feuermelder der Etage, um zu checken, ob der noch da ist. Dann holt er einen Schlüssel aus der Tasche und klopft gegen die Scheibe des Feuermelders, um zu prüfen, ob das Glas ausgetauscht werden muss. "Das, das, das" sagt er dann, schaut an die Decke und zählt laut, ob noch alle Lampen im Flur leuchten. Alles okay. Sollte irgendwas mal defekt sein oder findet er Müll auf den Gängen, notiert er das auf einem Zettel. Später wird er die Mängel selbst beseitigen oder den anderen Hausmeistern Bescheid geben.

"Die andere Sache möchte ich diskret behandeln"
"Mit Marcel haben wir einen echten Glücksgriff gemacht", sagt sein Chef Thomas Ferchel. "Er traut sich zwar nicht, auf eine Leiter zu steigen, aber wir können Marcel flexibel einsetzen, und er ist pünktlich, sehr genau und zuverlässig: Bei den Hausbegehungen schaut er lieber dreimal als einmal zu wenig."

Wie alle anderen Hausmeister hat Bergmann einen dicken Schlüsselbund für die Hochhäuser der LWB. Zur Morgenbesprechung lachen die Kollegen über seine Witze, genauso wie er über ihre. Ganz selbstverständlich ist Marcel Bergmann Teil des Teams. Darum möchte er in diesem Text auch nicht als "geistig Behinderter" oder "lern- und rechtschreibschwach" bezeichnet werden. Zu lange hat er um die Anerkennung der Gesellschaft gekämpft und um einen ganz normalen Job mit ganz normalen Kollegen. Jetzt - da das geklappt hat - will er nicht mehr länger "der Behinderte" sein. "Ich bin hier tiptop zufrieden, zu der anderen Sache möchte nichts sagen, ich möchte das diskret behandeln", sagt er.

Marcel Bergmann ist einer von neun ehemaligen Diakonie-Schützlingen, die in den vergangenen Jahren einen richtigen Job bekommen haben. Ihre Verträge laufen zuerst nur ein Jahr. Sollte die Integration in dieser Zeit scheitern, können sie zurück in die Werkstatt.

Doch danach sieht es bei Hausmeister-Hilfskraft Bergmann nicht aus. Er ist jetzt schon ein Vorbild für Praktikantin Maryam Omidvar. Als sie am letzten Praktikumstag winkend das Hotel verlässt, weiß sie noch nicht, dass sie bald wiederkommen darf: Ihr Praktikum wurde verlängert, weil sich das Hotel vorstellen kann, sie zu übernehmen.


URL:
http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767102,00.html

3 Kommentare:

  1. toll :). vielen dank für diesen interessanten artikel.
    wir beschäftigen in der firma in der ich arbeite auch einen behinderten menschen und das schon seit 20 jahren. er ist auch im hausdienst tätig. schaut für sauberkeit im pausenraum, verteilt interne und externe post, verschickt post u.s.w.
    er macht das sehr gut und auch gerne. er meistert sein ganzes leben alleine, hat auch eine eigene wohnung, ist echt toll.
    wenn er urlaub hat merkt man das sofort... dann ist unser pausenraum echt ein schandfleck. sage ich ihm immer wieder. p. du musst dann wieder kommen, weil ohne dich siehts hier richtig peinlich aus ;)

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  2. ich bin wieder da!
    du hast da etwas gepostet, dass ich auch so sehe .. und die letzten tage erleben durfte. nichtbehinderte und behinderte mitarbeiter in einem hotel. es war so gut, so richtig ... so wie es überall sein sollte.
    ich hab an euch gedacht, zwischen den höchsten bäumen, die ich jemals gesehen habe ..
    liebe grüsse
    elisabeth

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  3. Ich sende Dir heute viele Schmetterlingsgrüsse
    Elisabeth

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Mia wurde im Juli 2007 geboren. Der nach 2 Tagen geäußerte Verdacht eines Chromosomendefektes bestätigte sich nach einer Woche: Mia hat das 21. Chromosom dreimal, Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom. Mit diesem Blog wollten wir alle Interessierten ursprünglich einladen, an Mias Entwicklung und wie sie die Welt entdeckte, teilzunehmen.

Mia verstarb am 24.04.2008 um 22.35h -nach 7-wöchigem Krankenhaus-aufenthalt- an den Folgen einer pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck), wahrscheinlich verursacht durch ihren angeborenen Herzfehler, ein großer ASD II. Sie wurde nur 9,5 Monate alt. Mia`s letzte Reise kann man hier direkt nachlesen.

Auch wenn Mia nicht mehr hier ist, ist sie immer in unseren Herzen. Dieses blog bleibt solange bestehen, wie wir meinen, dass es informieren und helfen kann. Viel zu viele Menschen haben ein völlig falsches oder gar kein Bild von Menschen mit Down Syndrom. Das wollen wir ändern, so wie Mia es uns gelehrt hat.

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