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Samstag, 20. Juni 2015

Lieber Mitmensch! (Ein Blogpost von "Papa b(l)oggt"

Papa b(l)oggt
Lieber Mitmensch,
ich bin ein Elternteil eines behinderten Kindes.
Anfangs war ich überwältigt, irritiert, mein Herz war gebrochen und ich kämpfte darum die vor mir liegenden Komplexitäten zu verstehen.
Bitte urteile nicht über mich wenn ich nicht immer Zeit habe an Kinderfesten, Elterntreffen oder öffentlichen Feiern teilzunehmen.
Bitte nimm Dir einen Moment um zu verstehen warum ich nicht die Zeit auf einen Kaffee habe oder warum ich die Einladung zum Essen nicht annehmen kann.
Obwohl wir uns eventuell oft über den Weg liefen, sei es im Supermarkt, am Kindergarten oder der Schule glaube ich nicht dass Du mich tatsächlich kennst.
Ich kann sogar dafür garantieren dass Du mich nicht wirklich kennst denn so wie mein Kind, bin auch ich anders.
Ich war im Überlebensmodus um meine Familie intakt zu halten und versuchte meinem Kind ein wundervolles Leben zu ermöglichen.
Ich musste Entscheidungen treffen die mich innerlich zerrissen und welche mich Nächtelang wach hielten.
Mehrere Tage der Wochen verbrachte ich bei Ärzte und Therapien und Abends informierte ich mich über Behandlungsmöglichkeiten und Informationen über Medikamente.
Ich war isoliert, denn Makel, Un- und Missverständnisse sind die Seuche unserer Zeit!
Ich lernte Prioritäten meines Lebens anders zu setzen und Dingen einfach Ihren lauf zu lassen.
Ich lernte meine Umwelt mit Mitgefühl zu betrachten statt über Jemanden zu reden und ich lernte die hässlichen Kommentare und Blicke zu ignorieren.
Ich tat bislang das beste was ich konnte.
Ich überlebte bis hier hin alles.
Ich bin einer der Glücklichen dessen Kind aufgeblüht ist und alle Erwartungen übertroffen hat.
Ich bin stark geworden, ich bin zuversichtlich geworden und ich kämpfe leidenschaftlich für Alleinerziehende und Eltern von besonderen Kindern.
Ich Bitte Dich:
Das nächste mal wenn Du eine Mama oder einen Papa siehst die sich mit Ihrem wütendem Kind mühen, einem Kind das Angst vor bestimmten Situationen hat, einem Kind das komische Bewegungen oder Geräusche macht, ein Kind das augenscheinlich in seiner eigenen Welt lebt …. sei human, sei freundlich.
Schenk dieser Mama/diesem Papa ein anerkennendes lächeln für das was der Elternteil durchmacht.
Vielleicht kannst Du sogar fragen ob Du etwas tun kannst, reich Ihnen die Hand oder biete an ein Stück mit Ihnen zu gehen.
Das nächste mal wenn Du eine Geburtstagsfeier für Dein Kind organisierst bedenke dass es auch ein Kind ist dass schwere, sehr sensible Zeiten durchlebt und bereits sozial-problematische Situationen erlebt hat.
Bitte sende dem Kind ebenfalls eine Einladung, auch in dem Wissen dass es womöglich gar nicht teilnehmen kann aber gib ihm das Gefühl einbezogen zu sein.
Falls das Kind doch kommt, auch wenn es nur Kurz ist, gib Ihm das Gefühl willkommen zu sein.
Wenn die Eltern absagen müssen, vielleicht kannst Du gar ein Treffen zum spielen für ein anderes mal anbieten?
Das nächste mal wenn Du Hausaufgaben kontrollierst und bewertest, versuche in Gedanken mit einzubeziehen dass ein Kind gekämpft hat.
Manche haben Lernbehinderungen, manche sind aufgrund einer Krankheit erschöpft und mache haben einen drang nach Perfektion.
Die Perfektion besteht nicht daraus die exakt definierte Antwort parat zu haben, die Perfektion besteht darin zu „fühlen” ob die Antwort richtig ist.
Es gibt Kinder die opfern Stunden für das was andere Kinder in 10 Minuten erledigen.
Ein Aufgabenblatt, durchzogen mit roten Strichen und Kommentaren, bricht das Herz eines Kindes, es fühlt sich an wie ein Schlag, mindert das Selbstwertgefühl dieses Kindes und fördert die Angst vor Aufgaben und womöglich der Schule.
Bedenke vor einem Anruf was in diesem Kind ausgelöst wird wenn es auf dem Telefon die Nummer der Schule sieht. Bedenke den Eltern mitzuteilen welche Fortschritte Ihr Kind macht statt auf den Defiziten herum zu reiten.
Bevor Du anrufst, nimm Dir eine Minute und ruf Dir ins Gedächtnis dass die Eltern Dich für das schätzen und anerkennen was Du tust und dass die Eltern ebenfalls an einer gemeinschaftlichen zusammenarbeit in Bezug auf die Bildung ihres Kindes interessiert sind.
Das nächste mal wenn Du mit Deinen Kollegen im Lehrerzimmer sitzt, diskutiere nicht über das Kind. Äussere keine negativen Kommentare über die Elternschaft oder das Verhalten dieses Kindes, Du weißt wie schnell das in die Öffentlichkeit und an andere Eltern heran getragen wird.
Beim nächsten zusammentreffen der Mitarbeiter der Kultusministerien, berücksichtigt dass Inklusion nicht nur ein Wort ist.
Es ist kein notwendiges übel das berücksichtigt werden muss.
Es ist ein Menschenrecht.
Stehe dafür ein, steh auf, trete dafür ein und sei Überzeugt davon – schau über den Tellerrand hinnaus und findet einen Weg diesen Kindern die Möglichkeit zu geben Bildung zu erleben und zu ermöglichen. Schenkt Ihnen die Möglichkeit der Bildung und diskutiert nicht über deren Störungen.
Das nächste mal wenn Ihr den Lehrplan diskutiert bedenkt bitte auch die unterschiedlichen Interessen und Obsessionen.
Fördert die Interessen anstatt einen Unterricht durch einen anderen Unterricht zu ersetzen. Wenn Kinder Musik lieben dann lasst Ihnen diese Stunde Musik statt sie durch Mathematik zu erstzen.
„Think outside the Box” – wie es deren Eltern ebenfalls machen!
Das nächste mal wenn Du ein Kind im Rollstuhl siehst das nicht reden, nicht sprechen kann oder unontrollierte Bewegungen macht – starre es nicht an, schau nicht weg – sei natürlich – sag Hallo!
Glaub nicht dass das Kind das nicht wahr nimmt, dass das Kind es nicht versteht nur weil es sich nicht artikulieren kann.
Glaub nicht dass ein Kind nicht spürt was Du fühlst.
Nimm Dir einen Moment Deines Tages und zeig Menschlichkeit, Freundlichkeit und schenk der Mama oder dem Papa auch ein herzliches lächeln.
Das nächste mal wenn Dein Kind nach Hause kommt und Dir erzählt dass das andere, behinderte Kind so komisch ist, nimm Dir die Zeit Deinem Kind die Unterschiede zu zeigen und zu erklären.
Nimm Dir die Zeit über Respekt, Toleranz, Akzeptanz und Behinderungen zu reden.
Bedenke dass Du ein Vorbild bist und dass Dein Kind von Dir lernt.
Sein ein Vorbild, zeig Respekt und vermeide Lästerei.
Das nächste mal wenn Du einen Kommentar darüber hörst wie „unstylish” oder „unmodern” ein Kind gekleidet ist, sprich über verschiedene und empfindliche Wahrnehmungen.
Manche Kinder sind empfindlich gegenüber gewissen Stoffen und Textilien.
Stell Dir einmal vor wie Du dich mit Einlagen in Deinen Stilettos oder einem engen Gestell unter Deiner Kleidung fühlen würdest.
Das nächste mal wenn Du ein zorniges Kind siehst, zieh keine Rückschlüsse auf schlechte Eltern.
Verstehe dass es viele Hintergründe für diese Störung haben könnte.
Organisch, Biologisch und dass eine echte Krankheit dahinter steckt.
Wir sind die Generation die dieses „Stigma” beseitigen und eine Welt der Akzeptanz schaffen können!
Das nächste mal wenn andere Eltern über „diese Kinder” sprechen, sei unser Held und erhebe Dich für uns.
Das nächste mal wenn Du ein behindertes Kind siehst, hab im Hinterkopf dass es nicht nur behindert ist sondern vor allem ein Kind!
Nehmt euch die Zeit und lernt unsere Kinder kennen!
Nehmt euch die Zeit uns kennen zu lernen!

Freitag, 13. Januar 2012

Dass es Dich gibt

von Sandra Roth
Quelle ZEITmagazin, 12.1.2012 Nr. 03
[http://www.zeit.de/2012/03/Kind-Behinderung/komplettansicht]


Kurz vor Lottas Geburt wurde in ihrem Gehirn eine Fehlbildung entdeckt. Ihre Mutter schreibt hier von Momenten tiefer Verzweiflung. Und großen Glücksgefühlen.



Lotta mit ihrer Mutter  © Sigrid Reinichs
 Lotta kann krabbeln, sagt ihr großer Bruder Ben. Im Geheimen. Im Geheimen kann Lotta, zwei Jahre alt, so einiges: sitzen, sehen, »Mama« sagen. Meine Tochter hat geheime Superkräfte, die nur ihr vierjähriger Bruder kennt. Der Rest der Welt sieht sie anders: als Vena-Galeni-Kind, körper- und sehbehindert. Ihre Krankengeschichte lagert in einem dicken roten Ordner, bald müssen wir einen zweiten kaufen, so voll ist er schon. Ben sagt, es macht nichts, falls Lotta später mal einen Rollstuhl kriegt, »aber schieben darf nur ich den«. Außerdem könne sie ja immer noch fliegen.

Im Sportverein. Ben rennt mit den anderen Kindern um die Wette, ich trinke Latte macchiato und lasse Lotta auf meinen Knien reiten. Sie grinst. Eine andere Mutter:

»Wann hat man das denn festgestellt?«
»Die Fehlbildung? Im neunten Monat, 33. Woche.«
»War es da zu spät?«
»Wofür?«
»Um was dagegen zu machen.«
»Das kann man nicht im Mutterleib operieren.«
»Nein, aber...«

Das Wort »abtreiben« spricht sie schon nicht mehr aus.

Warum gibt es dich, Lotta? Ein behindertes Kind, das muss in Deutschland heute doch nicht mehr sein. Dafür gibt es Vorsorgeuntersuchungen, Pränataldiagnostik, Abtreibungen, notfalls Spätabtreibungen. Und doch werden in Deutschland immer noch behinderte Kinder geboren. Laut Statistischem Bundesamt haben 2009, in dem Jahr, in dem Lotta geboren wird, 365 Babys unter einem Jahr einen Schwerbehindertenausweis aufgrund einer angeborenen Behinderung. Lotta ist keins von ihnen, wir beantragen den Ausweis erst später, so wie viele andere Eltern. Schaut man sich die entsprechende Zahl für die Kinder unter fünf Jahren an, liegt sie bereits bei 6.881. Lotta und Ben tragen in Wirklichkeit andere Namen, weil ich sie schützen möchte, aber ihre Geschichte steht stellvertretend für die vieler Kinder.

19. Oktober 2009. Ich küsse Ben, damals zwei Jahre alt, zum Abschied auf den Kopf. »Mama geht zum Arzt, das Baby angucken.« Noch sieben Wochen bis zum errechneten Geburtstermin. Meine größte Sorge ist jetzt der blaue Strampler, den ich gestern für Lotta gekauft habe. In der Mädchenabteilung, mit Schleifen, aber dunkelblau. Sorgen haben wir zu dieser Zeit selten, mein Mann Harry und ich, wir sind beide Journalisten, er 43, ich 32 Jahre alt, gesund, zufrieden. Wenn es Streit gibt, dann darüber, ob wir in der Küche geöltes Parkett verlegen sollten. Ansonsten ist es ein Leben in Technicolor, so kommt es mir in der Rückschau vor. Wir sind Familie »Sonnenschein«, so haben unsere Mütter uns genannt, so rufen wir auch unseren Sohn. Auch die zweite Schwangerschaft ist geplant, es wird ein Mädchen.

Beim Routine-Ultraschall stutzt die Gynäkologin Stefanie Hamm. Sie sieht »sehr viel Blut im Hirn. Sie fahren jetzt in die Uniklinik.« Ich rufe Harry an, er bringt mich mit einem Taxi ins Krankenhaus, äußerlich bleiben wir beide ruhig. Die Arzthelferin wird später sagen: »Sie wirkten so gefasst, Sie haben gar nicht geweint.« Ich erlebe das Geschehen um mich herum wie durch eine Wand, als beträfe es mich nicht, starr vor Schock. Durch die innere Stille dringt nicht der Taxifunk, nicht das Zufallen der Autotür, als wir im Krankenhaus ankommen. Ich höre nur mein eigenes Stoßgebet: Es wird alles gut gehen, es ist immer alles gut gegangen, es muss, es darf nichts Schlimmes sein. Ich werde erst fünf Tage später wieder nach Hause kommen.

In der Uniklinik Köln lege ich mich auf eine Liege, darum im Halbdunkel etwa 15 Personen: der Leiter der Kinderklinik, Oberärzte, Assistenzärzte. Ich halte die Hand meines Mannes, als mir jemand kaltes Ultraschall-Gel auf den Bauch spritzt und die Bilder von dem Baby in meinem Bauch auf dem Monitor aufflackern. Blau und rot der Blutfluss, zu viel Blau und Rot. Das Bild verschwimmt, mir steigen Tränen in die Augen, ich dränge sie zurück. Jetzt beobachten, begreifen. Die Ärzte beraten sich auf dem Flur. Mein Mann streckt mir ein Brötchen entgegen: »Du musst was essen.« Ich nehme einen Bissen und schmecke nichts. Als wieder alle im Raum sind, erläutert ein Arzt Lottas Befund: »Malformation der Vena Galeni.« Es wird lange dauern, bis wir verstanden haben, was das bedeutet. Auf etwa 1:25.000 wird das Risiko für ein Kind mit Vena-Galeni-Malformation geschätzt, das heißt, in Deutschland werden pro Jahr etwa 27 Babys mit dieser Fehlbildung geboren. Bei vielen bleibt sie bis zur Geburt unentdeckt. Einige haben so einen geringen Schaden, dass er erst auffällt, wenn sie nach dem Robben nicht das Krabbeln lernen. Bei anderen verschlechtert sich der Zustand bald nach der Geburt. Manche sterben.

Ein Arzt klemmt die Folie mit Lottas MRT-Bild auf einen Leuchtkasten. Er zeigt uns auf der Folie einen dunklen Fleck in Lottas ansonsten grauem Gehirn, etwa so groß wie eine 20-Cent-Münze. Die Vena Galeni ist eine der Hauptvenen im Gehirn. Der schwarze Fleck ist ein Kurzschluss zwischen einer Arterie und dieser Vene. Normalerweise fließt das sauerstoffreiche Blut durch die Arterie zum Gehirn, gibt dort den Sauerstoff ab und fließt danach durch die Vene wieder zurück zum Herzen, bei unserem Baby geht es von der Arterie direkt in die Vene. Das sauerstoffreiche Blut nimmt eine Abkürzung – am Gehirn vorbei. Und weil dieser Weg weniger Widerstand bietet, fließt immer mehr Blut zurück, sackt die Ader weiter aus. Das Herz schlägt schneller und schneller, pumpt und pumpt und pumpt beim Versuch, das Hirn doch noch mit ausreichend Blut zu versorgen, pumpt so lange, bis es kollabiert. Lottas Herz schlägt in der Ruhe des Bauches schon jetzt, als joggte sie, und es wird immer schneller schlagen, wenn wir nichts unternehmen.

»Wir schaffen das«, sagt mein Mann schnell. Er hat mehr Erfahrung mit Schicksalsschlägen als ich. Lange bevor wir uns kennengelernt haben, ist seine Mutter gestorben, an Krebs, da war er 29. »Ja, wir schaffen das!«, sage ich und versuche, es zu glauben.

Vor dem Gedankenspiel »Was wäre, wenn...« haben wir uns immer gedrückt. Wenn unser Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit behindert wäre – würden wir abtreiben? Freundinnen haben abgetrieben, weil der Mann der Falsche war. Oder weil eine Behinderung drohte. Wir haben eher die Mütter bedauert als die ungeborenen Babys. Kinder gibt es viele in unserem Freundeskreis, behinderte Kinder nicht. Körperlich oder geistig Behinderte sehen wir ab und zu auf der Straße und sehen sie doch nicht. Ich will nicht starren und schaue lieber weg.

Später, in einer anderen Klinik, sagt uns ein Arzt: »Da muss man chirurgisch dran, den Kopf aufschneiden. Ausgang ist fast 100 Prozent letal, und falls es überlebt, dann äußerst schwer behindert, darauf müssen Sie sich einstellen.« Als er zur Tür raus ist, schreie ich die Verzweiflung heraus. Klappe vornüber, schreie in Harry hinein, der seine Arme um mich legt, schreie so laut, dass eine Assistentin hereineilt und mir Valium anbietet. Der Arzt lag falsch, die chirurgische Methode ist längst veraltet, das erfahren wir erst einige Tage später. »Wenn Sie sagen, dass Sie sonst vom Dach springen, finden Sie noch einen, der es wegmacht«, höre ich von einem anderen Arzt. Abtreiben – das hieße im neunten Monat aktiv töten. Eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz meines Babys, das ich dann tot auf die Welt bringen müsste.

Trotz ihrer schweren Sehbehinderung kann Lotta hell und denkel unterscheiden.

Als ich endlich nach Hause komme, steht Ben in seinem blau-weiß gestreiften Schlafanzug in der Tür. Prüfend schaut er in meine roten Augen, runzelt die Stirn. Ich sage: »Mama ist traurig, weil das Baby krank ist.« Ben hebt meinen Pulli hoch, pustet auf den nackten Bauch und fragt: »Wieder heile?«

Lotta ist kein »es«, das man wegmachen kann. Wir können doch nicht die kleine Schwester töten, die Bens Küsse auf meinen Bauch schon mit Tritten beantwortet. Es gibt noch Hoffnung, sagen andere Ärzte: »Sie hat eine gute Chance.« Daran klammern wir uns. Wenn Ben ins Bett geht, kommt die Angst. Abends sitzt mein Mann am Esstisch und recherchiert im Internet. Ich sitze auf dem Sofa, in die Wolldecke gewickelt, und versuche, nicht an den schwarzen Fleck in Lottas Kopf zu denken. Wird unser Baby überleben? Wenn ja, wie? Gibt es ein Leben, das schlimmer ist als der Tod? Die Fragen sind so groß, dass ich sie nicht über die Lippen kriege, sie bleiben als dumpfes Gefühl im Magen hängen. Abends wird es sehr still bei uns. Stumm starren wir beide auf meinen gewaltigen Babybauch. Lottas Tritte machen mir keine Freude mehr, sie machen mir Angst.

Bald wissen wir, wo die Experten sitzen: in Paris, London – und Duisburg. In Duisburg-Wedau erwarten uns ein Betonklotz von einer Klinik und die Hoffnung in Gestalt von zwei Männern, die uns durch die nächsten Jahre begleiten werden: der Kinderarzt Axel Feldkamp, graue Locken, weiße Schlappen, der seine Worte so sorgfältig wählt, dass er in zwei Jahren nicht ein einziges zurücknehmen muss. Und Professor Friedhelm Brassel, für Fälle wie unseren der Beste in Deutschland, wie jeder sagt, bei dem wir nachfragen. Brassel nennt Lottas Befund »beeindruckend«, drei Stunden lang referiert er bei unserem ersten Treffen über sein Spezialgebiet als Radiologe. Er beschreibt uns die winzigen Katheter und erzählt von ehemaligen Patienten, die gut in der Schule sind, die am Telefon nicht mit ihm reden wollen, sondern raus auf den Fußballplatz. Lotta könnte eine von ihnen sein, hoffen wir, auch wenn Brassel uns das nicht versprechen kann.

Der Kinderarzt Axel Feldkamp bremst uns. »Manche Kinder entwickeln sich prima, andere nicht«, sagt er. »Es kann sein, dass sie geboren wird und alles schnell vorbei ist, weil ihr Herz versagt. Und wenn nicht: Ich schaue mir das Hirn nach der Geburt an. Wenn es zu arg gelitten hat und es keinen Sinn mehr hat, dann sage ich Ihnen das. Dann gehe ich diesen Weg mit Ihnen.« Die Wörter »sterben« oder »sterben lassen« fallen nicht und sind doch da. Wir planen eine Geburt, und ich muss schon an die Bestattung denken.

Am Grab meiner Schwiegermutter stellen wir regelmäßig frische Blumen auf. Dort soll Lotta liegen, wenn es zum Schlimmsten kommt. Ich versuche mich zu wappnen gegen den Tod meines Babys, mit einem Plan: Wo, wie, welches Schmusetier kommt mit ins Grab? Ich halte mich an das Gegenständliche, um nicht an das große Ganze denken zu müssen.

23. November 2009. Lotta ist da und schreit und strampelt, und ihr Herz kollabiert nicht. Wir lassen sie direkt taufen. Zwischen den blinkenden Monitoren der Kinderintensivstation zündet die Seelsorgerin die Taufkerze an, Lotta öffnet die Augen. Nach 24 Stunden wird sie zum ersten Mal operiert.

Bei der OP oder genauer der Embolisation werden per Mikrokatheter kleine Platinspiralen in Lottas Gehirn gesetzt, die die Blutzuflüsse verstopfen. Die sogenannten Coils setzen sich an die Wand der Ader und vernarben dort – weniger Blut kann den falschen Weg nehmen. Als würde man einen Sumpf trockenlegen, wird so der Blutfluss nach und nach weniger. Bis zu 16 Stunden liegt Lotta in Vollnarkose, während Professor Brassel per Hand durch kleine Einstiche in den Hüften die Katheter in ihren Körper einführt und durch die winzigen Blutbahnen bis in den Kopf lenkt. Jedes Zittern ist eine Gefahr, jeder Schritt abgesichert durch Röntgenaufnahmen.

Das Wunder passiert: Nur zehn Tage nach der Geburt dürfen wir nach Hause. Lotta sieht so gesund und rosig aus wie jedes Baby, sie kann Beine und Arme bewegen, sie trinkt an meiner Brust, schmatzt, gähnt. Sehr schnell kommt ihr Herz ohne Medikamente aus. Wir sehen schon das Happy End.

Das Wort »Behinderung« nehmen wir lange nicht in den Mund. »Das B-Wort«, sagt mein Mann. Als brächte es Unglück, es auszusprechen. Als wir im Urlaub im niederländischen Domburg einen etwa zehnjährigen Jungen im Rollstuhl sehen, festgeschnallt, die Arme rudernd in der Luft, Sabber in Strömen, starren wir hin. »Schau dir die Eltern an«, sagt mein Mann, »so selbstbewusst.« Ich sehe den Jungen an und denke: »Ich weiß nichts über solche Kinder.« Findet er es schön am Meer? Was hat er vom Strand, wenn er nicht im Sand buddeln kann? Was, wenn wir in ein paar Jahren wie die Eltern dort am Strand sitzen und Lotta keine Schaufel halten kann?

Lotta öffnet ihre Hände nicht, streckt die Beine oft kerzengerade durch, anstatt zu strampeln. Ihre riesigen Augen scheinen alles zu sehen, aber ihr Blick bleibt nirgendwo haften. Verdacht auf zerebrale Bewegungsstörung, heißt es, Verdacht auf eine Sehstörung. Wir erfahren, wie erschreckend wenig man bislang über das Gehirn weiß. »Es ist eine Blackbox«, sagt Axel Feldkamp. »Es kann sehr viel kompensieren, aber Vorhersagen kann niemand treffen.« Abwarten, heißt es, was Lottas Gehirn aus dem macht, was es hat. Fördern und warten, warten und fördern. Jahrelang. Es könnte auch einfach eine gewaltige Entwicklungsverzögerung sein, sagen die Ärzte, und das sagen wir allen, die uns fragen: »Lotta lernt wohl erst mit drei Jahren laufen statt mit einem.«

Lotta schreit scheinbar ohne Grund, stundenlang. Oma puzzelt mit Ben, während ich Lotta wiege. Im Dunkel des Schlafzimmers, zum klimpernden Guten Abend, gute Nacht der Spieluhr kommen die Zweifel. Wird Lotta ihr Leben genießen, auch wenn sie vielleicht nie richtig sehen oder laufen kann? Werde ich mein Leben lang Windeln wechseln? Und was ist mit Ben? Wird er bei all den Sorgen um seine Schwester nicht hinten runterfallen? Warum wir?

Weil wir eine starke Familie sind, sagen Freunde: »Lotta ist zu den Richtigen gekommen, ihr schafft das.« Feldkamp sagt: »Wir haben hier viele Eltern behinderter Kinder, die meisten finden viel Kraft in sich.« In meinen Ohren klingt das fast zynisch. Schaffen und Kraft fühlt sich anders an, zu wenig Schlaf, zu viele Sorgen.

»Ihr müsst es annehmen«, hat uns ein enger Freund gesagt, als wir ihm von unserer Angst erzählt haben, dass Lotta behindert sein könnte. »Annehmen« – wie soll das gehen?

In der Badewanne. »Alle meine Entchen schwimmen auf dem See...«
Plötzlich schmiegt Lotta ihren Kopf in meine Hand, zieht die Mundwinkel nach oben. Das erste bewusste Lächeln.
»Oh, Lotti, du kannst ja lächeln!«
Sie lächelt, ich weine. An diesem Abend bleiben wir in der Badewanne, bis wir ganz schrumplig sind.

Bei Ben mussten wir sechs Wochen auf diesen Moment warten, bei Lotta sechs Monate. Sechs Monate, in denen ich am Ende gefürchtet habe, dass sie nie lächeln wird. Ein Augenblick ändert alles. Lotta wird das Zentrum, um das wir kreisen. Ben kann gar nicht aufhören, mit ihr zu spielen, legt sich zu ihr und singt: »Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst...« Wir singen alle mit.

Lotta kann lächeln. Wird sie eines Tages auch sitzen und einen Löffel halten können?
Eine Odyssee beginnt. Morgens, wenn Ben im Kindergarten ist, sitze ich bei Neurologen, Orthopäden, Augenärzten, Kardiologen, Logopäden, Physiotherapeuten. Meinen Wiedereinstieg in den Beruf verschiebe ich, wir haben Glück, dass das finanziell kein Problem ist. In zwei Jahren wird Lotta fünf Mal von Professor Brassel operiert. Ihre Gefäßfehlbildung zieht eine Reihe anderer Erkrankungen nach sich. Unser Körper funktioniert nur richtig, wenn er sich bewegt – tut er das nicht, werden Gelenke, Sehnen oder die Verdauung zum Problem. Insgesamt verbringen sie und ich über drei Monate im Krankenhaus.

In dieser Zeit sehe ich nur einen einzigen Vater, der alleine sein Kind ins Krankenhaus begleitet. Es heißt nicht umsonst »Mutter-Kind-Zimmer«, Männer sind Besucher. Wir Frauen sitzen im Halbdunkel der Intensivstation, mit dem Rücken zur Tür und dem Gesicht zum Kinderbett, jede in ihrem Zimmer, abgeschnitten von Handyempfang und dem Rest der Welt. Müde, abgestumpft, den Blick auf der zuckenden Kurve des Monitors, als könnte man dort ablesen, was kommt. Als mein Mann vom Büro ins Krankenhaus kommt, trifft er nicht seine Ehefrau an, sondern eine Fremde in blauer Schwesternkleidung, die routiniert ihre Tochter festhält, als eine Ärztin mit der Nadel am Kopf Blut abnimmt. »Schwester Sandra«, sagt Harry und grinst mich an. Nachts auf der Elterntoilette beim Blick in den Spiegel finde ich das nicht mehr schmeichelhaft. Bin das noch ich? Nicht nur die Pflegeuniform ist zu groß, auch die Rolle passt mir nicht. Am nächsten Tag nehme ich das Angebot meines Mannes an, eine Schicht zu übernehmen, und setze mich in die Sonne. Ab sofort lasse ich andere assistieren. Ich wollte nie Krankenschwester werden, und Krankenschwestern hat meine Tochter sowieso genug, aber sie hat nur eine Mutter.

»Ein bisschen blind« – so treffend wie Bens Freundin Victoria hat es keiner formuliert. Lotta kann hell und dunkel unterscheiden, auf Schwarz-Weiß und Glitzerndes reagiert sie besser als auf Pastelliges, Verschwommenes. Ihre Sehnerven haben gelitten, »schwer sehbehindert« heißt irgendwann die Diagnose. Besser kann es immer noch werden, gut wird es nie. Wie ist das, nie das Lachen des großen Bruders zu sehen – oder die Wasserpistole, mit der er einen nass spritzt? Ich verbiete das, und doch ist es gut, dass da einer ist, der Lotta nicht in Watte packt und auch uns nicht schont. Für vieles andere ist Lotta die ultimative Entschuldigung: Man hat es ja schon so schwer. Hinter einem behinderten Kind kann man sich prima verstecken vor langweiligen Spielgruppen oder unangenehmen Pflichten. Aber nicht vor einem Dreijährigen. Ben hindert mich am Grübeln und zeigt mir, dass es im Grunde egal ist, ob Lotta nun behindert ist oder nicht. In seinem Alltag zählt nur, ob sie mit ins Planschbecken kommt.

Mein Schwiegervater, 80 Jahre, vernarrt in seine zwei späten Enkel, schaltet das Licht an.
»Da lacht sie ja, schau mal, wie sie lacht!«
»Ja, das nimmt sie wahr. Das findet sie lustig, weil Ben daraus ein Spiel gemacht hat.«
Er schaltet das Licht wieder aus.
»Da lacht sie wieder! Ja, das machst du toll!«
Schaltet es wieder an.
»Schau mal, mein Liebchen, Licht!«
Schaltet es wieder aus.
Großvater und Enkeltochter lachen.
Schaltet es wieder an.
»Was für schöne Grübchen du hast!«
An, aus, an, aus, an, aus.

Von der Sehfrühförderstelle kommt eine Sonderpädagogin, Martina Schmidt, rauchige Stimme, herzliches Lachen. Sie schleppt auf dem Fahrrad Körbe voller Förderspielzeug an, gemeinsam sitzen wir im dunklen Schlafzimmer und richten die Taschenlampe auf Rasseln, die wir mit Glitzerpapier beklebt haben. Lottas rudernde rechte Hand landet darauf. Ein winziger Fortschritt, auf den wir später mit Kaffee anstoßen.

Unsere Rettung heißt Jodi, so hat Ben unsere Kinderfrau getauft. 63 Jahre alt, schmal wie eine Zwölfjährige und fast ebenso dynamisch. Die Verantwortung für Lotta können wir nicht abgeben, aber wir können eine Auszeit nehmen, und sei es für zwei Stunden. Dank Jodi geht kein Teil der Familie in Sorgen unter. Ich habe »Mama-Sohn-Zeiten« mit Ben, nur wir zwei und das Klettergerüst, ich nehme den ersten Auftrag für einen Artikel an, jeden Freitagabend gehen mein Mann und ich aus, »romantisch eine Cola trinken«, wie wir unserem Sohn erklären.

Viele Ehen zerbrechen an Sorgenkindern wie Lotta, dessen sind wir uns bewusst. Ein Graben tut sich auf, zwischen mir bei den Ärzten und meinem Mann im Büro. Jeden Abend versuchen wir, ihn zu überbrücken. Schon seit Bens Geburt gibt es diesen Graben, doch mit Lotta wird er zu groß, um einfach darüberzuspringen. Harry bleibt einen Monat zu Hause, um den Alltag mit Lotta zu erleben. Gemeinsam müssen wir Entscheidungen treffen, die an Leben oder Tod rühren. Gehen wir das Risiko einer weiteren OP ein? Gehen wir das Risiko ein, nicht zu operieren? In beiden Fällen droht schlimmstenfalls der Tod, extrem unwahrscheinlich, aber dennoch. Über die Anschaffung unseres Sofas haben wir länger diskutiert. In diesen Extremsituationen bilden wir sofort eine Front, wir sind das Team Lotta. Nicht auszudenken, wenn einer sagen würde: »Warum nicht ins Pflegeheim?«, oder: »Du wolltest ja unbedingt ein zweites Kind.«

Beim Kindergeburtstag. Die Großen stürmen das Kinderzimmer, die Mütter trinken Kaffee, ein Baby im blauen Strampler macht die ersten Krabbelversuche. Ich starre hin, Ben auch. Er greift nach Lotta.
»Das soll Lotti auch machen. Komm, mach!«
»Das kann sie nicht.«
»Warum nicht?«
»Wegen der Ader im Kopf, weißt du noch? Weil der Kopf den Beinen und Armen nicht sagen kann, was sie machen sollen.«
»Warum?«
»Weil der Kopf den Beinen...«
»Nein, warum hat Lotti die Ader?«

Vergleichen ist hart. Lottas Tempo ist nur normal für uns, wenn wir nicht sehen, wie schnell sich andere Kinder entwickeln. Ich rufe eine Freundin an, die ich mit ihren zwei Jungs zum Spielen eingeladen habe, der große so alt wie Ben, der kleine etwas jünger als Lotta. »Es tut mir leid, ich schaffe das noch nicht. Ich kann so Kleine im Moment schwer ertragen.« Sie sagt, sie verstehe.

Je mehr Zeit vergeht, ohne dass Lotta robbt oder auch nur den Kopf sicher hält, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sie alles aufholt, was ihr fehlt. Es gibt keinen Moment der Verkündung, keinen Arzt, der sich hinstellt und sagt: »Ihr Kind ist behindert.« Irgendwann hören wir von den Ärzten seltener das Wort »Entwicklungsverzögerung«. Irgendwann füllen wir den Antrag auf einen Behindertenausweis aus.

Zu Lottas erstem Geburtstag wollen wir nach New York. Mein Mann muss beruflich dorthin, das ist die Stadt, in der wir uns kennengelernt haben vor sieben Jahren, unsere Stadt. Wir zögern. Rufen alle Ärzte an, bitten um ihren Segen. Axel Feldkamp sagt: »Ein Kind wie Lotta braucht Alltag und nicht New York, um sich zu entwickeln.« Wir machen es für uns, sagen wir, wir müssen auch an uns denken. Während des Starts beobachte ich Lotta, Professor Brassel hat gesagt, der steigende Druck könne ihr nicht schaden. Wenn aber doch etwas platzt in ihrem kleinen Kopf? Nach der Landung am Flughafen Newark schwebe ich zehn Zentimeter über dem Boden. Lotta reißt ihre riesigen Augen angesichts der blinkenden Weihnachtsdekoration noch weiter auf als sonst, bestaunt die glitzernden Tannenbäume, entdeckt Schokomuffins als ihr Leibgericht. Ben möchte ab jetzt immer nach New York fahren. Gebeugt über Lottas Geburtstagsmuffin mit der brennenden Kerze, singen wir: »If you can make it there, you can make it anywhere...«

Der Reha-Buggy ist dann, wieder zu Hause, unser Coming-out, im buchstäblichen Sinne. Er hat einen Design-Preis gewonnen, ist blau und grau, mein Mann sagt, er sieht aus wie ein normaler Kinderwagen. Ich sehe die Bänder, um die Füße zu fixieren, die Gurte und Schrauben und ziehe Lotta ihre schönste Jacke an, die pinkfarbene, dazu die passende Mütze. Ich setze meine Tochter in den Wagen, zum ersten Mal muss sie nicht liegen, wenn wir rausgehen. Lotta lässt den Kopf zur Seite fallen und sieht eindeutig nicht normal entwickelt aus. Sie lächelt, und ich finde sie schön. Ben schiebt. »Los geht die wilde Fahrt!« Ich hebe den Kopf und laufe mit meinen beiden Kindern stolz zur Eisdiele.

An der roten Ampel lacht eine Frau den singenden Ben an, schaut in Lottas Wagen, schaut weg. Vor dem Kindergarten sagt eine Mutter beim Anblick des Buggys zögernd: »Der sieht ... speziell aus.« Eine Freundin erzählt, dass eine andere sie angesprochen hat: »Ich habe gesehen, dass der Kopf gestützt wird, aber fragen wollte ich nicht...« Über verpatzte künstliche Befruchtungen wird freier geredet als über Behinderungen. »Darf ich behindert sagen?«, fragt mich eine Freundin. »Das klingt so abwertend.« In den Broschüren des Gesundheitsamts ist Lotta ein Kind »mit erhöhtem Förderbedarf«. Was soll das sein? Auf der Website eines Kinderladens gibt es neben der Kategorie »Baby« und »Spielzeug« den Punkt »Besondere Kinder«. Ist Ben nicht besonders? Im Englischen sind geistig Behinderte »mentally challenged«, geistig herausgefordert. Sind wir so verklemmt, dass wir die Tatsachen verdrehen?

Ich rufe im Schwimmbad an:
»Ich wollte mich nach dem therapeutischen Schwimmen erkundigen.«
»Haben wir nicht.«
»Auf Ihrer Website steht, dass es für Kinder mit Beeinträchtigungen integrative Kurse gibt...«
»Ach, Sie meinen die Behinderten?«
Seitdem sage ich behindert.

Im Bäckerei-Café. Ben will Kakao, Lotta kriegt ein Weckchen. Die Bedienung:
»Die Kleine schaut ja komisch. Hat die was?«
»Die hat eine Sehbehinderung.«
»Aber wussten Sie das nicht vorher?«
»Vor der Geburt, meinen Sie?«
»Ja. Aber der große Bruder ist ganz normal, oder? Dann konnten Sie ja nichts dafür.«

Dann konnten Sie ja nichts dafür – über allem schwebt die Schuldfrage, auch wenn nur wenige sie so gedankenlos aussprechen. Ein behindertes Kind ist in der öffentlichen Wahrnehmung kein Schicksal mehr, das man hinnehmen muss, und das macht es mir schwer, mit dieser Frage endgültig abzuschließen. Musste man sich früher verteidigen, wenn man abgetrieben hatte, fühle ich mich jetzt genötigt, zu erklären, warum ich es nicht getan habe. Im Fernsehen schaue ich mir die Bundestagsdebatte über die Präimplantationsdiagnostik (PID) an. Als eine SPD-Politikerin sagt, sie wolle nicht, dass »Eltern sich für ein Kind mit Behinderung rechtfertigen müssen«, schnaube ich. Als ob es nicht jetzt schon so weit wäre. Bin ich deshalb gegen die PID? Ich weiß es nicht. Sollte nicht jeder selbst entscheiden, ob er das Risiko eines behinderten oder kranken Kindes eingehen will? Und doch fürchte ich, dass sich irgendwann keiner mehr findet, der den Mut dazu hat. Wie und wann das Kind kommen soll, optimieren wir jetzt schon: der richtige Zeitpunkt für ein Kind, der richtige Vater, ein kuscheliges Nest. Alles muss perfekt sein – und das Kind dann auch. Je weniger Kinder wir kriegen, desto besser müssen sie werden, die Ansprüche steigen, während die Geburtenrate sinkt.

Meine Nachbarin Anemone sieht Lotta zum ersten Mal im Reha-Buggy und sagt: »Ist die Kleine hübsch!« Andrea sagt: »Wir sind für euch da, in guten wie in schlechten Zeiten.« Gabi: »Wenn du mal reden musst, wir sind da.« Unser Freundeskreis sortiert sich neu. Wer uns nicht guttut, ist raus, andere rücken näher ran und erzählen mir vom Schlaganfall der Mutter oder vom Besuch im Pflegeheim des Vaters. Es ist, als wären wir einem geheimen Klub beigetreten: Wer schon einen Schicksalsschlag erlebt hat, der ist dabei. Eine Freundin mit Brustkrebs sagt: »Mir glaubt ja sonst keiner, dass es mir gut geht.« Nur wer einmal unten war, weiß, dass man auch da lachen kann, sogar lauter und fröhlicher. In all dem Dreck finden wir Gold: wundervolle Unterstützung durch meine Mutter, meinen Schwiegervater, Angehörige, Freunde, Nachbarn und zwischen Harry und mir wortloses Verstehen, Zusammenhalten. Die oberflächlichen Freundschaften sind schnell erkaltet, wir vermissen sie nicht.

Wir bilden eine Wagenburg. Der Druck von außen hat auch sein Gutes – er presst unsere kleine Gemeinschaft eng zusammen.

Was willst du denn, fragt mich ein Freund. Starren ist schlecht, wegschauen auch – wie sollen wir denn reagieren? Schreib doch mal eine Gebrauchsanweisung. Also gut: Wer alle kleinen Kinder anlacht, sollte auch mit meiner Tochter flirten. Wer sich nicht für Babys interessiert, sollte auch ein behindertes nicht anstarren. In einem Wort: Natürlichkeit. Die ist unmöglich, wenn man jede Geste reflektiert. Wer so eine Gebrauchsanweisung nötig hat, bei dem wird sie nicht funktionieren. Der muss versuchen, Behinderte so gut kennenzulernen, dass sie nichts Besonderes mehr sind. Und bis dahin: Schauen Sie nicht auf den Rollstuhl, sondern in die Augen, und reden Sie über das Wetter. Wenn mir danach ist, diskutiere ich gerne über Abtreibung, PID und die Grenzen der modernen Medizin – aber nicht beim Bäcker. Wenn ich einkaufen gehe, möchte ich keine permanente Volksabstimmung darüber, ob meine Tochter nun leben darf oder nicht.

Ich suche mir sorgfältig aus, mit wem ich darüber rede, wie es ist, wenn der Arzt sagt: »Das Kind kann 80 werden, aber dass es selbstbestimmt leben wird, kann ich Ihnen nicht versprechen.« Theoretisch könnte jederzeit eine von Lottas ausgeleierten Kopfadern platzen, ein minimales Risiko, aber ein Risiko. Was soll ich meinem Kind wünschen? Ein langes Leben in Abhängigkeit oder einen schnellen Tod? Es gibt Tage, da muss ich darüber nachdenken. Die Antwort sehe ich in dem schokoverschmierten Grinsen meiner Tochter. In der Zeitung lese ich von einer belgischen Studie über sogenannte Locked-in-Patienten, Menschen, die so vollständig gelähmt sind, dass sie nur noch per Wimpernschlag mit ihrer Umwelt kommunizieren können, etwa als Folge eines Schlaganfalls. Dann doch lieber tot, oder? 72 Prozent der befragten Patienten sehen das nicht so, sie bezeichnen sich selbst als glücklich. 72 Prozent – diese Zahl gibt mir sehr viel Kraft. Wer gesund ist, hat keine Ahnung, wie es ist, behindert oder auf andere angewiesen zu sein. Ich habe kein Recht, meiner Tochter einen schnellen Tod zu wünschen.

Lotta will stehen, drückt die Beine durch und macht sich kerzengerade. Die Unterarme muss sie dafür abstützen, sie steht an einem Hocker wie andere an der Bar. Sie steht und steht und lacht. Wenn man ihr einen Ball vor die Füße legt, denkt sie lange nach, winkelt ihr Bein an und kickt mit einer plötzlichen Bewegung den Ball weg. Fußball wird unser Lieblingsspiel, im Sportgeschäft suche ich ein Trikot in Größe 86 für Lotta. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie das aussieht, wenn sie geht. Gestützt auf ein Gehwägelchen, mit Trippelschritten, aber auf den eigenen Füßen unterwegs. Ob sie das schaffen wird, hängt stark davon ob, wie sehr wir sie fördern. Ben hätte das Laufen auch ohne mich gelernt, Lotta wird das nicht schaffen. Das Gefühl, so sehr gebraucht zu werden, kann auch glücklich machen, das weiß ich heute. »Das musst du in deiner Situation auch so sehen, oder? Sonst könntest du dich ja gleich erschießen«, sagt mir ein Freund. Das stimmt in gewisser Weise, es ist harte Arbeit, langes Hoffen, ein täglicher Kampf gegen das Aufgebenwollen. Und doch: Wenn Lotta ihre rechte Hand gezielt bewegt, um nach meiner zu greifen, ist meine Euphorie zu groß, um sie in Worte zu fassen. Die Fortschritte mögen winzig sein, die Freude ist riesig. Nicht zu wissen, ob und wann der nächste Schritt nach vorne kommt, ist hart. Aber Lotta hat mir gezeigt, dass lachen zu können wichtiger ist, als stabil zu stehen. Dass der beste Sportkurs für Ben oder die effektivste Therapie für Lotta nicht so bedeutsam ist wie eine schöne Kindheit.

Bald kommt ein Bluttest auf den Markt, der in der zehnten Schwangerschaftswoche das Downsyndrom nachweisen kann. Als wir im neunten Monat Lottas Diagnose hörten, war sie für uns schon ein ganzer Mensch. Doch in der zehnten Woche? Da war Lotta noch eine namenlose Kaulquappe auf einem Ultraschallbild. Wenn damals ein Arzt gesagt hätte: »Ihr Kind wird schwer behindert sein« – hätten wir den Mut gehabt? Ich hoffe es, aber ich glaube es nicht. Lotta hätte es wahrscheinlich nie gegeben. Wir hätten wie viele gehandelt, aus Angst vor dem Unbekannten. Allein von den Downsyndrom-Verdachtsfällen werden schätzungsweise 90 Prozent abgetrieben. Auch wir hätten wohl gedacht: Das ist kein Leben. Wir hätten uns harte Zeiten erspart – und ein großes Glück verpasst. Lotta gehört heute dazu wie die Luft zum Atmen, genau wie Ben. Eine Welt ohne sie? Ein furchtbarer Gedanke.

Werden einige Behinderungen verschwinden, wie der Humangenetiker Wolfram Henn von der Universität Saarland voraussagt, »per Abtreibung«? Ich bin kein Abtreibungsgegner geworden und hasse es doch, wenn Menschen glauben, dass eine Behinderung etwas ist, das sich verhindern lässt. Eine Illusion ist das nicht nur, weil sich nicht alle Defekte vorab testen lassen und weil immer Kinder vor Autos laufen oder von Bäumen fallen werden. Der medizinische Fortschritt, der uns Gendefekte immer früher erkennen lässt, sorgt aber gleichzeitig auch dafür, dass Neugeborene, die früher geringe Überlebenschancen hatten, heute nicht mehr sterben müssen.

Was macht ein Leben lebenswert: laufen oder lesen können? Wer wird gerettet, wer abgetrieben? Und wer will das entscheiden?

Am Strand in Domburg. Ben lässt einen Drachen steigen. Lotta ist fast zwei und kann immer noch nichts mit einer Schaufel anfangen. Ein paar Meter weiter eine andere Familie, das Mädchen baut eine Sandburg. Die Mutter schaut rüber, ich sehe die Frage in ihren Augen. Ja, Lotta gefällt es am Meer, auch wenn sie nicht buddeln kann. Um Glück zu empfinden, muss man nicht laufen können, um zu lieben, nicht sehen können. So selbstverständlich das klingt, ich musste es erst lernen. Wenn Ben Fahrrad fahren lernt, ist es ein Wunder, das wir beklatschen, bei Lotta ist es ein Weltwunder, wenn sie ihre Knie knickt. Es sind andere erste Male, doch sie machen mich nicht weniger stolz.

»Du bist entspannter geworden«, sagt eine Freundin. Ich habe keine Kraft mehr für falsche Kompromisse, ich bin ehrlicher geworden, mit mir selbst und anderen. Harry und ich hätten vielleicht auch ohne Lotta gemerkt, dass das geölte und mittlerweile gefleckte Küchenparkett nicht wichtig ist. Vielleicht hätten wir uns aber auch in einem Kleinkrieg zermürbt. Wir müssen immer noch aufpassen, dass der Graben zwischen uns nicht zu groß wird, achten weiter darauf, dass Ben nicht zu kurz kommt. Ein Balanceakt. Doch Ben wird von Lotta wohl mehr darüber lernen, was im Leben zählt, als von uns.

Ich wünsche mir einen Monat ohne Krankenhausbesuche und dass Lotta irgendwann keine Windeln mehr braucht. Doch ich kann wieder mit gesunden Kindern spielen, die so alt sind wie Lotta, ohne traurig zu werden. Ich möchte nicht mehr tauschen. Wir wissen immer noch nicht, wohin uns Lotta tragen wird. Wir haben ein anderes Vena-Galeni-Kind kennengelernt, Lukas. Als er zwei Jahre alt war, hatten die Ärzte ihn schon abgeschrieben, heute geht er auf eine Regelschule und spielt Fagotthorn. Diese Ungewissheit müssen wir aushalten.

Die Liste dessen, was Lotta nicht kann, ist lang, doch die Liste dessen, was sie kann, ist länger. Sie kann ihren Papa mit ihrem Grübchenlächeln so um den Finger wickeln, dass er sagt: »Ach, dann lass sie bei uns schlafen.« Sie kann im Kinderwagen so lange brüllen, bis ich sie auf dem Arm spazieren trage. Lotta liebt Musik, ihren Schnuller, rutschen, schaukeln, hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.

Sie wird bald noch einmal operiert werden, vielleicht zum letzten Mal. Gerade heute hat sie sich zum ersten Mal einen Löffel in den Mund geschoben. Sie kann prima zuhören, sagt Ben und gibt Lotta einen Kuss. Sie strahlt ihn an, er sagt zu ihr: »Und lieb haben, das kannst du sehr, sehr gut.«

Sonntag, 13. November 2011

Blütenbomben - by Lydias blog

Heute gelesen, gelacht und musste es einfach verlinken:


Blütenbomben


Als Mutter/Vater eines schwerbehinderten Kindes ist man sicherlich viel empfindlicher, dünnhäutiger, ja paranoider in Bezug auf Äußerungen Dritter. Ich befürchte auch, dass nach diesem Post viele mich eher stumm angucken werden, um ja nichts Falsches zu sagen. Aber auch diese Gefahr nehme ich billigend in Kauf, nur um endlich das hier aufzuschreiben. Ich kann es selbst kaum glauben, aber ich muss es vor allem aufschreiben, weil es so witzig ist.

Misslungene Formulierungen nennt man bekanntlich Stilblüten. Eltern behinderter Kinder hören des öfteren Sätze, die sie sprachlos, wütend, weinend, lachend, kichernd machen. So etwas nenne ich immer "Blütenbomben". Die meisten von den Bomben sind gut gemeint, hinterlassen aber beim Hörer so ein Gesicht:

Meine persönliche Ausbeute ist ziemlich mager. Da ist z. B. eine Physiotherapeutin von mir - nach einer halben Stunde Unterhaltung über Lydias Geburt und Entwicklung fragt sie mich: "Aber Sie verstecken sie doch nicht, oder?"

Oder - wirklich mehrere Male erlebt - bei Frauenärzten: Nach ausgiebigen Lobpreisungen für unseren Mut, keine Pränataluntersuchungen zu machen, kommt der obligatorische Satz im verschwörerischen Ton: "Aber bei der zweiten Schwangerschaft machen Sie doch bestimmt eine Fruchtwasseruntersuchung, nich wahr?"

Oder (mein Lieblingsbeispiel): Ich komme in unseren Behindertenwerkstatt-Laden, um ein paar Geschenke zu kaufen. Dort bedienen meist ehrenamtlich ältere Damen, auch an diesem Tag ist eine da. Sie stürzt sich säuselnd auf Lydia und erzählt mir nebenbei, dass sie immer noch auf Enkelkinder wartet, die vermutlich nie komme werden, weil die Kinder so langsam aus dem Alter sind... Irgendwann kommt es natürlich zu dem obligatorischen Satz: "Es ist doch eine Freude, ein kerngesundes Kind zu haben!"

Ich räuspere mich kurz und erkläre ihr, dass Lydia im herkömmlichen Sinn ja doch nicht ganz gesund sei.

Die Dame fragt erschrocken, was sie denn habe.

Ich: "Das Down-Syndrom."

Die Dame schreit auf und hält sich den Mund zu, mich mit riesengroßen Augen ansehend.

"Oh mein Gott!", bricht aus ihr heraus, "wie furchtbar!"

Ich sehe mich etwas hilflos um, denn - wie gesagt - wir befinden uns in einem Laden mit lauter Sachen, die von geistig Behinderten hergestellt werden!

"Was für ein schrecklicher Schicksalsschlag!", ächzt die alte Dame und sieht mich immer noch an, als wäre ich der Geisterwelt entsprungen, "wie furchtbar muss es für Sie gewesen sein, meine Güte, wie schrecklich!" Begleitet von ihren Lamenti verlasse ich den Laden (weiß auch nicht mehr, wie) - und zuhause angekommen, wälze ich mich vor Lachen auf dem Boden, während ich die Geschichte Stefan erzähle. Ich erinnere mich immer noch sehr gern daran, weil sie so absurd und unglaublich klingt.

Ich komme auf das Thema, weil wir das Ganze vor kurzem im Forum besprochen haben. Und leider haben andere Eltern da weniger Glück als ich.

So meldet ein Paar sein Auto auf das behinderte Kind um, und die Dame im Amt erkundigt sich, was denn das Kind habe. Nach der Antwort "Down-Syndrom" meint sie kurz: "na, dann siend sie ja nicht zu beneiden!" Und als der Vater seinerseits nachfragt , wieso, meint sie trocken: "Ihnen ist wohl klar, dass sie sich um das Kind ihr Leben lang kümmern müssen?" Eine Tante im Zulassungsamt am Tresen! Ich bin immer noch geradezu traurig, nicht dabei gewesen zu sein. War ja doch eine schöne Herausforderung zur sprachlichen Kreativität (die Eltern haben die Aufgabe aber auch gut gemeistert).

Etwas weniger krass, aber auch eine Bombe, ist, wenn man als Mutter eines Kindes mit DS gesagt bekommt, man gehe damit so toll um, "wir hatten das von dir gar nicht erwartet!"

Meine Lieblingsbeispiele aus dritter Hand sind aber die folgenden (und damit herzliche Grüße an S.! :)):

"Man sieht ihnen aber gar nicht an, dass Sie ein Kind mit DS haben!"

Und - dada! - die Hammer-Blütenbombe und eine Perle, die ich jetzt bei jeder Party zum Besten gebe: Ein Satz, an eine frischgebackene Mutter mit einem Kind mit DS gerichtet:

"Immer, wenn es mir so richtig schlecht geht, denke ich an euch!

(Erstaunlich, wie viele Menschen ein Kommunikationstraining gebrauchen könnten... Gibt es so etwas überhaupt in Bezug auf "besondere Lebenssituationen"? Bestimmt doch, oder?)

Einiges davon in ähnlicher Weise selbst erlebt - es scheint sich irgendwie um Stereotypen zu handeln....ich konnte nachher auch nur noch über die hilflosen Floskeln solcher Menschen lachen. Es ist und bleibt mir unbegreiflich, wie tief die Ängste vor dem anderen verwurzelt sind, und wie wenig neugierig die Menschen -größtenteils - auf das Andersartige sind. Letztlich verpassen sie einfach viel - und ihr Horizont ist leider, leider zu beschränkt, um wirklich sehen zu können.

Donnerstag, 9. Juni 2011

"Warum sollen sie nicht arbeiten dürfen?"

Von Christian Fuchs

Im Hotel, als Hausmeister oder bei einer Imbisskette: In Leipzig absolvieren behinderte Menschen Unternehmens-Praktika. Viel zu lange wurden sie in Werkstätten versteckt. Jetzt lernen Mitarbeiter wie Maryam oder Marcel ganz neue Seiten an sich kennen - oft als Start in einen richtigen Job.

Vor Maryam Omidvar ist kein Krümel sicher. Im schnellen Stechschritt marschiert sie durch den Frühstücksraum eines großen Hotels am Leipziger Hauptbahnhof. Bewaffnet mit einem Lappen, eilt sie aufmerksam zwischen den Tischen umher. Sieht sie irgendwo einen Brötchenrest, feudelt sie ihn sofort weg. Fast niemand der über hundert Frühstücker nimmt Notiz von der kleinen schwarzhaarigen Frau. Wie alle Angestellten des A+O Hostels trägt sie ein blaues Poloshirt, auf dem Rücken steht in großen Buchstaben: "Staff".

Man muss schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass Maryam Omidvar, 20, eine besondere Mitarbeiterin ist. Nur ihr rundliches Gesicht mit den mandelförmigen Augen verrät, dass sie das Down-Syndrom hat. Dieser angeborene Gen-Defekt führt dazu, dass ihre geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sind.

"Doch warum sollte sie deshalb nicht arbeiten dürfen?" Das fragte sich Claudia Kittler von der Diakonie am Thonberg in Leipzig. Seit vier Monaten sucht sie für talentierte Menschen mit Behinderungen aus den Werkstätten des christlichen Sozialunternehmens Praktikumsplätze bei externen Firmen. Durch den Kontakt mit nicht-behinderten Mitarbeitern sollen Teilnehmer wie Maryam Omidvar Selbstbewusstsein gewinnen. Und eventuell über das Praktikum später leichter einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann"

"Eigentlich gibt es keinen Grund, benachteiligte Menschen nur in Behindertenwerkstätten arbeiten zu lassen", sagt Kittler und schaut zufrieden in den Hotel-Frühstücksraum. Ihr Schützling Maryam Omidvar ist das beste Beispiel dafür.

Es ist ihr letzter Praktikumstag. Im vergangenen Monat hat sie sich mehr entwickelt als in der ganzen Zeit davor in der Werkstatt, wo sie Zeitschriften in Umschläge gesteckt hatte. Heute fährt Maryam Omidvar selbständig mit der Tram zur Arbeit. Allein belegt sie Edamer- und Schinkenplatten, und wenn sie Lust hat, schenkt sie Gästen auch schon mal Kaffee nach - das macht sonst kein anderer Hotel-Mitarbeiter.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann", sagt Maryam Omidvar. "Im Hotel zu arbeiten, ist etwas Besonderes - das mache ich mit Herz und damit meine Mama stolz auf mich ist."

Hotel-Manager Hans-Martin Schwarz ist voll des Lobes. Zwar sei Kommunikation nicht ihre Stärke, aber sie renne mehr als die Azubis. "Ihre Motivation und Umsichtigkeit bereichert auch die Arbeit der anderen Mitarbeiter."

Sie fällt auf - vor allem durch ihre Hilfsbereitschaft

Und was sagen die Gäste, von einem Menschen mit Trisomie 21 zum Frühstück begrüßt zu werden? "Sie ist uns sofort aufgefallen, aber zuerst durch ihre Hilfsbereitschaft, dann erst durch ihr Aussehen", sagt Silvia Thür aus Krefeld. Und Astrid Worreschk aus Gera versteht schon die Frage nicht: "Dass sie hier arbeitet, ist kein Problem für uns. Sie ist doch ein Mensch wie jeder andere auch."

Nur einmal habe ein Gast komisch geguckt, erinnert sich die Küchenchefin. Da sei sie dazugekommen, habe Maryam Omidvars Hand genommen und sei mit ihr in die Küche gegangen. Das war's.

Claudia Kittler von der Diakonie teilt diese Erfahrungen. Beim ersten Kontakt mit Firmen fragen die Chefs noch bang, ob die Krankheiten ihrer Klienten ansteckend seien, ob der Arbeitsschutz eingehalten werden könne oder wie viel Extrazeit für die Betreuung der besonderen Mitarbeiter denn so gebraucht werde.

Wenn Kittler dann mit dem Behinderten zum Vorstellungsgespräch kommt, sind alle positiv überrascht. "Dann merken die Unternehmen, dass es da eine Gruppe von Menschen gibt, die sie bisher einfach übersehen haben", sagt Kittler. Bisher habe sie noch jeden Praktikumsplatz bekommen - egal ob bei Burger King im Verkauf, in der Theaterwerkstatt der Oper oder bei der Post.

"Guten Tag, ich möchte gerne Hausmeister werden"
Jede Integration eines geistig Behinderten im ersten Arbeitsmarkt hilft nicht nur einem Schützling Claudia Kittlers, sondern sensibilisiert auch Nicht-Behinderte. Durch die Praktika werden Menschen sichtbar, die ansonsten versteckt ihre nützlichen Arbeiten verrichten: Wer ganz selbstverständlich seinen Whopper bei einem Menschen mit Down-Syndrom kauft, der hat weniger Vorurteile gegenüber dieser Krankheit.

Während des Frühstücks der Mitarbeiter steht Maryam Omidvar leise auf und geht heimlich in die Küche. Hier leert sie die Mülleimer und beginnt dann als Überraschung, eine neue Salami-Platte für den kommenden Tag zu belegen. Als ihre Chefin hinzukommt, stehen ihr Tränen in den Augen. Dann fallen sich die beiden Frauen in die Arme.

Unterdessen steigt Marcel Bergmann am anderen Ende der Stadt, im Neubauviertel Grünau, auf das Dach einer sechzehngeschossigen Platte, Typ PH16. Er will nachsehen, ob die Tür zum Flachdach in 60 Metern Höhe verriegelt ist, damit niemand hier hoch klettern kann. Im Gegensatz zu Praktikantin Omidvar ist Bergmann bereits oben angekommen: Er hilft den vier Hausmeistern des Neubaugebietes bei den täglichen Kontrollgängen in den Hochhausschluchten - als fester Angestellter.

Seit April fest angestellt bei der Wohnungsverwaltung

Auch seine Karriere begann mit einem Praktikum. Nach fünf Jahren als Maler, Maurer und Umzugshilfe in der Baugruppe der Diakonie hatte Marcel Bergmann Lust auf etwas Neues. Im vergangenen September ging er auf eine Jobmesse für benachteiligte Menschen. Als er den gelb-blauen Stand der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) sah, wusste er, was er arbeiten wollte. Sehr langsam und mit Pausen sagte er zu den Mitarbeitern: "Ich möchte gern Hausmeister werden."

Die LWB lud ihn zum Vorstellungsgespräch. Kurz darauf durfte er dort als erster Praktikant mit Benachteiligung zeigen, was er kann. Und schlug sich so gut, dass er seit April 2011 als festangestellte Hausmeister-Hilfskraft arbeitet.

Selbständig läuft der 25-Jährige über die Flure des Plattenbaus und öffnet den Schrank mit dem Feuermelder der Etage, um zu checken, ob der noch da ist. Dann holt er einen Schlüssel aus der Tasche und klopft gegen die Scheibe des Feuermelders, um zu prüfen, ob das Glas ausgetauscht werden muss. "Das, das, das" sagt er dann, schaut an die Decke und zählt laut, ob noch alle Lampen im Flur leuchten. Alles okay. Sollte irgendwas mal defekt sein oder findet er Müll auf den Gängen, notiert er das auf einem Zettel. Später wird er die Mängel selbst beseitigen oder den anderen Hausmeistern Bescheid geben.

"Die andere Sache möchte ich diskret behandeln"
"Mit Marcel haben wir einen echten Glücksgriff gemacht", sagt sein Chef Thomas Ferchel. "Er traut sich zwar nicht, auf eine Leiter zu steigen, aber wir können Marcel flexibel einsetzen, und er ist pünktlich, sehr genau und zuverlässig: Bei den Hausbegehungen schaut er lieber dreimal als einmal zu wenig."

Wie alle anderen Hausmeister hat Bergmann einen dicken Schlüsselbund für die Hochhäuser der LWB. Zur Morgenbesprechung lachen die Kollegen über seine Witze, genauso wie er über ihre. Ganz selbstverständlich ist Marcel Bergmann Teil des Teams. Darum möchte er in diesem Text auch nicht als "geistig Behinderter" oder "lern- und rechtschreibschwach" bezeichnet werden. Zu lange hat er um die Anerkennung der Gesellschaft gekämpft und um einen ganz normalen Job mit ganz normalen Kollegen. Jetzt - da das geklappt hat - will er nicht mehr länger "der Behinderte" sein. "Ich bin hier tiptop zufrieden, zu der anderen Sache möchte nichts sagen, ich möchte das diskret behandeln", sagt er.

Marcel Bergmann ist einer von neun ehemaligen Diakonie-Schützlingen, die in den vergangenen Jahren einen richtigen Job bekommen haben. Ihre Verträge laufen zuerst nur ein Jahr. Sollte die Integration in dieser Zeit scheitern, können sie zurück in die Werkstatt.

Doch danach sieht es bei Hausmeister-Hilfskraft Bergmann nicht aus. Er ist jetzt schon ein Vorbild für Praktikantin Maryam Omidvar. Als sie am letzten Praktikumstag winkend das Hotel verlässt, weiß sie noch nicht, dass sie bald wiederkommen darf: Ihr Praktikum wurde verlängert, weil sich das Hotel vorstellen kann, sie zu übernehmen.


URL:
http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767102,00.html

Samstag, 2. April 2011

Welt-Autismus-Tag: 02.04.2011

Welt-Autismus-Tag

Früher hatte ich einen Gedanken, wenn ich an einen kleinen Jungen und Autismus dachte. Ich dachte dann immer an "Das Mercury Puzzle", einen Spielfilm mit Bruce Willis. Der Hauptdarsteller ist ein kleiner Junge, der Autist ist und hochintelligent, der aber in seiner eigenen Welt gefangen ist. Ich fand den Film nie so gut, weil er mit Bruce Willis ist oder weil es ein Actionfilm ist, sondern weil das Schauspiel des kleinen Jungen mein Herz berührt hat- es hat mich neugierig gemacht und an manchen Stellen auch traurig, zu sehen wie mit diesem Jungen mit dieser Begabung teilweise umgegangen wurde. Die Gesellschaft von heute hat überall Probleme mit Andersartigkeit, und damals dachte ich, dass es gut ist, das es diesen Film gibt. Damit die Menschen etwas hinter die Fassade schauen können, begreifen können das es doch am Ende des Tages nur ein kleiner Junge ist.

Heutzutage habe ich viel dazu gelernt. Heute ist nicht der Film mein Lehrmeister, sondern ein ganz reales und echtes Leben. Robert nämlich. Ein ganz gewöhnlicher Junge mit zwei Zahlen, er ist nämlich 10. Und manchmal bin ich so begeistert von den Dingen die Elisabeth über Robert schreibt, dass ich mir denke das er so viel schlauer als wir alle ist. Auf eine andere Art und Weise, eben auf eine Art, die das Herz berührt. Man möchte Robert so gerne beschützen, vor all den dummen und ignoranten Menschen, aber man kann es nicht. Und Robert merkt schon jetzt, dass er anders ist, dass die Menschen manchmal nicht nett zu ihm sind. Und das ist schlimm. Und traurig. Und ich glaube, es liegt auch ein bischen daran, dass es zuwenig Aufklärung über Autisms gibt. Wenn ihr in nicht schon lest, dann stelle ich Euch gerne den liebenswertesten Lehrmeister selbst vor:





Sonntag, 20. Februar 2011

Geboren mit Down-Syndrom

Wie immer, bitte vorher den musicplayer rechts auf Pause stellen.



Den Hinweis auf diesen wunderschönen Trailer hat Maria heute gegeben. "Dieser Film beschäftigt sich mit den ersten Momenten, Monaten und Jahren im Leben mit Down Syndrom. Eltern reflektieren ihre Emotionen im Umgang mit der Diagnose Down Syndrom, die Reaktionen von Familie und Umwelt und das Hineinwachsen in ein Leben mit Kindern, die alles sind, außer gewöhnlich. Collagenartig zeigt der Film die Down Syndrom Ambulanz Wien, das Down Syndrom Kompetenzzentrum Leben Lachen Lernen in Leoben, frühe Fördermöglichkeiten und Therapieansätze sowie Zukunftsperspektiven. Im Mittelpunkt stehen wundervolle Hauptdarsteller - Kinder mit Down Syndrom.

Drehbuch: Birgit Brunsteiner
Kamera: Afra Hämmerle-Loidl
Schnitt: Gerald Loidl
Länge 35min


Vielleicht kommt Euch ja der eine oder andere Darsteller bekannt vor ;-) Weitere Details zum Film folgen noch, er ist noch nicht veröffentlicht, wir haben ihn selbst noch nicht gesehen."


Vielen Dank dafür, Maria!

Freitag, 13. August 2010

Eine Ansicht...wahrscheinlich ohne Chance auf Einsicht.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich zu diesem Thema etwas schreiben soll. Genauer gesagt, ich habe mich 2 Tage damit beschäftigt, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich mich hier nicht zurückhalten möchte.

Eigentlich wissen wahrscheinlich nur sehr wenige Menschen, was es bedeutet, wenn ein Mensch das Down-Syndrom hat. Ich habe auch nicht wirklich viel darüber gewusst, bevor Mia zu uns kam. Jetzt gibt es aber wohl diejenigen Menschen, die trotz Nichtwissen offen und neugierig auf Neues oder Unbekanntes sind, und es gibt diejenigen Menschen, die diese Offenheit eben nicht besitzen. Es gibt wohl Menschen, die eine derart ablehnende Haltung gegen alles haben, was jenseits der für allgemeingültig anerkannten Norm existiert, dass es eigentlich kaum mehr zu ertragen ist - für eben jene die, die versuchen, auch Menschen ausserhalb der vermeintlichen Norm zu integrieren.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie man mit Menschen umgehen soll, die eben kein Interesse an der Andersartigkeit haben, die keine Offenheit für Neues besitzen? Die einfach verkantet in teilweise altertümlichen Vorstellungen stecken, ohne jegliche Hoffnung dass da eine Einsicht kommen möge? Ich habe vor jetzt schon langer Zeit mit der wunderbaren Iko im Eltern.de-Pränatalforum einmal versucht, all den Schwangeren, die da hysterisch nach einer Pränatal-Diagnostik "Hilfe, Verdacht auf Trisomie xyz" schrieben, die schönen Dinge nahe zu bringen, die ein Kind mit sich bringt,
und dass es eben auch irgendwie nebensächlich sein kann, was es mitbringt - es ist doch das eigene Kind! Die teils ignoranten Antworten, die teils schmerzhaft (körperlich!) naiv formulierten posts dort haben mich schnellstens kapitulieren lassen. Ich konnte mit der Verbohrtheit, der Dummheit, der Ignoranz von Menschen, die wirklich keine Ahnung von Trisomien haben und sich auch nicht darauf einlassen wollten, nicht umgehen.

Und nun also lese ich bei << Sonea >> also eben über genau solche Sprüche, die da als Kommentar unter einem Video hinterlassen werden, und es verletzt mich genauso wie eben all die anderen blogger, die sich dazu bereits geäußert haben. Hinterlässt mich fassungslos und irgendwie auch ratlos....es verletzt mich genauso wie der dämliche Kommentar in Belas Blog, und zeigt wieder einmal auf, dass eben auch unliebsame Besucher in den Weiten des Internets zu uns kommen, Menschen, die nicht eingeladen wurden. Dem entgegen stehen immer auch die interessierten Menschen, die vielleicht durch Zufall oder durch Bloghopping einfach mal vorbei kommen, und das eine oder andere über Menschen oder Kinder mit Down-Syndrom dazulernen können, und positiv überrascht sind....wie oft haben wir diese Erfahrungen schon bei Veranstaltungen mit der Down-Syndrom-Marathonstaffel gemacht! Wie großartig können da Berührungsängste abgebaut werden.

Aber sehen wir dem ins Auge: Das sind die Reaktionen, die in der Allgemeinheit immer wieder auftauchen. Wie kann man dem entgegentreten?

Auch ich bin für das << bunte Leben >>,
und deswegen wird auch Mias Kuscheltier (der Hund), das von Anfang an und bis zum letzten Tag immer bei ihr war, sich einreihen in die von der Robert-Familie initierte (einfach wunderbare) Aktion:







Das Foto habe ich, nebenbei bemerkt, soeben erst aufgenommen. Da wo der Mond ist, da ist immer noch die Einbuchtung in ihrem Kopfkissen, als sie das letzte Mal dort geschlafen hat...die Nacht auf den 06. März 2008. In solchen Momenten frage ich mich immer, wie ich jemals die Kraft aufbringen soll, irgendetwas in diesem Zimmer zu verändern oder wegzuräumen. Aber das, wie gesagt, heute nur nebenbei bemerkt...


Mittwoch, 14. April 2010

Eine Lebensweisheit

Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst,
sondern ein Geschenk, dass jedem von uns
jederzeit
genommen werden kann.


~ Richard von Weizsäcker

Montag, 4. Januar 2010

O brave new world, that has such people in't

Neues aus Österreich:

Das perfekte Neujahrsbaby

Im halb benommenen Zustand der Feiertagsverdauung konnte man eine kleine Nachricht dieser Tage fast überlesen und überhören: Ab 1. Jänner 2010 müssen Mütter, um das volle Kindergeld zu bekommen, drei neue Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass vorweisen. Sie müssen kontrollieren lassen, ob sie das HI-Virus in sich tragen, ob sie an so genannter Schwangerschaftsdiabetes leiden und sie müssen schon in der achten bis zehnten Schwangerschaftswoche eine Ultraschalluntersuchung vornehmen lassen. Letztere diene, wird argumentiert, der Früherkennung von Eileiterschwangerschaften, einerseits, und der „frühen Entdeckung der Auswirkungen von etwaigen Chromosomenschäden beim Fötus“, andererseits.

Liest sich locker und logisch. Freiwillig und gegen eigene Bezahlung, sofern man nicht als „Risikoschwangere“ galt, konnte man diese Befunde auch bisher erheben lassen.

Nun führt man aber die Verpflichtung auf ein Wissen ein, das im frühen Schwangerschaftsstadium noch sehr vage ist. Ultraschallbilder können in der Frühschwangerschaft nur wenige „Fehler“ des Kindes mit höherer Wahrscheinlichkeit darstellen. Vor allem Herzfehler, die auf ein Down-Syndrom schließen lassen.

Ein Verdacht bei ersten Untersuchungen zieht weitere Interventionen nach sich. Nackenfaltenmessung, weiterer Ultraschall, Blutwerte, Hormon-Test, und dann noch immer keine Sicherheit, sondern nur eine Prognose: Ihr Kind wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gesund sein. Am Ende die Frage, der jede Frau ausweichen will: Schwangerschaft abbrechen oder nicht?

Bislang blieb es Frauen vorbehalten, sich freiwillig für pränatale Untersuchungen ihres Kindes zu entscheiden. Es gab so etwas wie ein Recht auf Nichtwissen, auf Überraschung, auf Vertrauen, mit dem Kind, wie es sich zeigen würde, leben zu können. Verbindliche Untersuchungen machen dieser Selbstbestimmung ein Ende.

Auch wenn diese Vorsorge gut gemeint ist, geht sie zu weit. Gibt es eine Pflicht zum gesunden Kind? Unklare Befunde können die Schwangerschaft zu einer Zeit ohne gute Hoffnung machen. Noch ist kaum erforscht, wie das Kind im Mutterleib auf ständige Untersuchungen reagiert. Von hoch frequentem Doppler-Ultraschall wird etwa in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft abgeraten – die Wachstumsfugen der Knochen des Ungeborenen könnten geschädigt werden. Noch weiß man wenig, welche Bindung eine Mutter an ihr Kind entwickelt, wenn sie es mit Vorbehalt in sich trägt.

Wie sagt der Arzt, die Ärztin, einer Patientin, dass ein Verdacht auf eine Fehlbildung vorliegt? Wer macht deutlich, dass jede Diagnose auch von der Erfahrung der Mediziner abhängt, der Qualität der technischen Geräte, der Fruchtwassermenge und ähnlichem? Wer begleitet die Eltern bei der schwierigen Antwort auf die Frage nach den Konsequenzen „auffälliger“ Befunde?

Diese neue Mutter-Kind-Pass-Bestimmung ohne breite öffentliche Diskussion zu verordnen, halte ich für höchst problematisch.

Und Frauen mit Geldentzug zu bestrafen, wenn sie sich der Untersuchung verweigern, ist eine Bevormundung, die man nicht einfach hinnehmen sollte.

Dr. Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift Welt der Frau.
christine.haiden@welt-der-frau.at


[http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/haiden/art13342,315104]

Samstag, 3. Oktober 2009

31 for 21 - day 3

Get It Down; 31 for 21

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Der heutige Eintrag beschäftigt sich mit der wunderbaren Blogger-community, die ich insbesondere im Bereich der Eltern mit Kindern mit Down-Syndrom kennengelernt habe. Auch die Blogger im Bereich der verwaisten Eltern bilden einen besonderen Schwerpunkt in meinem Umfeld. Ich kann über beide sagen, ich bin froh dass es sie gibt, und ich bin froh dass ich sie beide "gefunden" habe. Ich wüsste nicht, wo ich sonst heute stünde. Ich habe aus der Bloggerwelt immer Hoffnung, Trost und Freude annehmen und teilen dürfen. Gerade deshalb beteilige ich mich heute auch gerne an einem Aufruf, den ich heute bei Ulli gefunden habe:

Es geht um Tatjana, die Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom ist, und die mit Ulli über die Strick-Leidenschaft in der Bloggerwelt verbunden ist. Andre besucht die Lebenshilfe in Rinteln/ NRW, und die Lebenshilfe veranstaltet jährlich einen Adventsbasar, um Ausflüge etc. zu veranstalten. Tatjana bittet die Bloggerwelt um Spenden in Form von selbstgestrickten oder gebastelten Dingen, die dann auf dem Basar verkauft werden können. Bislang haben schon 13 Blogger zugesagt, zu helfen! Wenn Du auch etwas beisteuern möchtest, findest Du alle Infos heutige Eintrag beschäftigt sich mit der wunderbaren Blogger-community, die ich insbesondere im Bereich der Eltern mit Kindern mit Down-Syndrom kennengelernt habe. Auch die Blogger im Bereich der verwaisten Eltern bilden einen besonderen Schwerpunkt in meinem Umfeld. Ich kann über beide sagen, ich bin froh dass es sie gibt, und ich bin froh dass ich sie beide "gefunden" habe. Ich wüsste nicht, wo ich sonst heute stünde. Ich habe aus der Bloggerwelt immer Hoffnung, Trost und Freude annehmen und teilen dürfen. Gerade deshalb beteilige ich mich heute auch gerne an einem Aufruf, den ich heute bei Ulli gefunden habe:

Es geht um Tatjana, die Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom ist, und die mit Ulli über die Strick-Leidenschaft in der Bloggerwelt verbunden ist. Andre besucht die Lebenshilfe in Rinteln/ NRW, und die Lebenshilfe veranstaltet jährlich einen Adventsbasar, um Ausflüge etc. zu veranstalten. Tatjana bittet die Bloggerwelt um Spenden in Form von selbstgestrickten oder gebastelten Dingen, die dann auf dem Basar verkauft werden können. Bislang haben schon 13 Blogger zugesagt, zu helfen! Wenn Du auch etwas beisteuern möchtest, findest Du alle Infos <<<hier>>> !

Sonntag, 30. August 2009

Ausgesondert

Andrea hat den link auf einen lesenswerten Artikel in Zeit online gegeben, den ich hier auch publik machen möchte: Ausgesondert

Freitag, 21. August 2009

Wenn alle sozialen Netze versagen

Vor ein paar Tagen schon erzählte mir mein Mann von dieser Familie in Düsseldorf, die es nun nicht mehr gibt. Er hatte mich gefragt, wie jemand so verzweifelt sein kann, wegen des Down-Syndroms sein eigenes Leben und das seines Kindes zu beenden. Ich habe ihm daraufhin erwidert, dass ich die Frage anders stellen würde; wie muss jemand von anderen Menschen behandelt worden sein, wie fallengelassen und alleine muss sich jemand fühlen, um sein Leben und das seines Kindes zu beenden.

Es ist eine traurige Geschichte, und aus tiefem Herzen bin ich in Gedanken bei diesen Menschen, die jetzt nicht mehr hier sind-ohne sie oder ihre wahren Hintergründe gekannt zu haben - und möchte ihre Geschichte hier posten als Mahnmal an all diejenigen, die vielleicht nicht direkt betroffen sind, aber dennoch vielleicht eine solche Familie nebenan wohnen haben oder sonstwie kennen gelernt haben. Es ist nicht das Down-Syndrom, dass die Menschen zerbrechen und verzweifeln lässt- es ist der Umgang mit den Mitmenschen, der alltägliche, wahrscheinlich unvorstellbare Kampf für die Rechte seines Kindes, der Kampf mit Ämtern, Ärzten und Krankenkassen. Wäre doch alles viel leichter, wenn es hier Änderungen, Akzeptanz und Unterstützung gäbe. Viele Menschen hätten vielleicht weniger Angst vor Babys oder Kindern mit Down-Syndrom wenn es diese Ausgrenzungen nicht immer wieder gäbe.

Familientragödie schockiert Behindertenvertreter

Düsseldorf. Eine ganze Kleinfamilie ist ausgelöscht: Die Tragödie um ein Kind mit Down-Syndrom aus Düsseldorf wirft ein Schlaglicht auf die Nöte der Eltern von behinderten Kindern.«Warum war die Verzweiflung eines Ehepaars so groß, dass es für sich und sein schwerbehindertes Kind nur den Tod als Ausweg sah? Und das, obwohl es in Deutschland ein dichtes Netz an Hilfen gibt», fragte die Vizevorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Professor Jeanne Nicklas-Faust.Sie kritisierte: «Zuständige Ämter leisten oft zu wenig Unterstützung. Eltern müssen sich mühsam das Wissen über ihre Leistungsansprüche zusammensuchen und anschließend nicht selten um ihr gutes Recht kämpfen.»Die Düsseldorfer Eltern hatten zuerst ihren schwerbehinderten vierjährigen Sohn und dann sich selbst getötet. In der Wohnung wurde neben den Leichen ein vom Paar gemeinsam verfasster Abschiedsbrief gefunden. Aus ihm geht hervor, dass die Eltern mit der schweren Krankheit ihres Kindes nicht zurechtkamen und keinen anderen Ausweg für sich und das Kind sahen. Bei den Eltern handelte es sich um einen 44 Jahre alten Diplom-Ingenieur und seine 27 Jahre alte Ehefrau.Lebenshilfe-Vertreterin Nicklas-Faust wies Eltern ausdrücklich auf das Netzwerk von Selbsthilfe-Organisationen hin, die im Gegensatz zu vielen Ämtern Hilfe böten. «Nach schwierigen Anfangsjahren empfinden viele Eltern das Leben mit ihrem behinderten Kind als glücklich, auch wenn der Alltag oft anstrengend ist.»Nicklas-Faust machte die Gesellschaft für die Tragödie mitverantwortlich: «Viele Eltern, deren Kinder das Down-Syndrom haben, müssten sich Sätze anhören wie: ,Das hätte doch nicht sein müssen. Dafür gibt es heute doch vorgeburtliche Untersuchungen.'» Die Lebenshilfe-Vertreterin betonte: «Familien mit behinderten Kindern brauchen unsere Solidarität.»

[http://www.az-web.de/lokales/euregio-detail-az/1013262?_link=&skip=&_g=Familientragoedie-schockiert-Behindertenvertreter.html]

Der Arbeitskreis Down-Syndrom hat folgendes auf seinem blog veröffentlicht:

Arbeitskreis Down-Syndrom fordert nach Familientragödie mehr
Hilfen

Düsseldorf/Bielefeld (epd). Der Bundesarbeitskreis Down-Syndrom hat angesichts des Familiendramas mit drei Toten in Düsseldorf mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Familien mit geistig behinderten Kindern gefordert. Viele Eltern geistig Behinderter seien einem extremen Druck von außen ausgesetzt, sagte die Geschäftsführerin des Arbeitskreises, Rita Lawrenz, am Montag dem epd in Bielefeld. Die NRW-Behindertenbeauftragte Angelika Gemkow (CDU) plädierte für eine Ausweitung des Modells der Familienpaten auf Familien mit behinderten oder pflegebedürftigen Kindern. Werdenden Müttern, bei denen vorgeburtliche Untersuchungen eine geistige Behinderung des Kindes prognostizieren, werde immer noch oft von Familienmitgliedern und Außenstehenden zur Abtreibung geraten, kritisierte der Arbeitskreis Down-Syndrom. Mehr Aufklärung und Informationen seien nötig. Auch leisteten die zuständigen Ämter oft zu wenig Unterstützung. Eltern eines behinderten Kindes müssten sich mühsam das Wissen über ihre Leistungsansprüche zusammensuchen und anschließend nicht selten für ihr Recht kämpfen, beklagte Lawrenz. Die Landesbehindertenbeauftragte Gemkow forderte Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Kirchen auf, in der Unterstützung für Familien mit behinderten Kindern neue Wege zu gehen. “Wir müssen die Eltern individueller unterstützen”, sagte Gemkow in Düsseldorf dem epd. Es gebe zwar bereits eine Vielzahl von Hilfsangeboten, doch die Probleme betroffener Eltern seien nicht an Bürozeiten gebunden. Familienpatinnen oder -paten könnten Familien zu Hause besuchen, sie beraten, mit den Kindern lesen oder basteln, oder auch beim Ausfüllen schwieriger Anträge helfen, erläuterte Gemkow ihren Vorschlag. “Wir müssen die Hilfe zu den Menschen bringen”, betonte die Sozialpolitikerin. [http://www.blog.down-syndrom.org/?p=2003]

Mittwoch, 12. August 2009

Es saugt Henriette

Von Daniela Schröder

Ein Konzept mit durchschlagendem Erfolg: In "Embrace Hotels" arbeiten Menschen mit Handicap, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten. In Hamburg soll das integrative Modell bald als Großprojekt laufen - als Drei-Sterne-Haus in der Hafencity.

Nikki Gerlach greift in das Bastkörbchen und fühlt die Temperatur, kein Hotelgast will den Tag mit einem kalten Ei beginnen. Dann bringt er den Krug mit Orangensaft in die Küche und trägt ihn aufgefüllt zurück zum Büffet. Schinken, Käse, Müsli und Obst, alles noch reichlich, bei den Brötchen dagegen sieht es einsam aus. Gerlach, in schwarzer Weste und mit Fliege, geht langsam wieder Richtung Küche. "Ist alles in Ordnung?" fragt er den Gast und lächelt ein bisschen schief und sehr freundlich. "Haben Sie noch einen Wunsch?"

Das Stadthaushotel in Hamburg-Altona ist ein helles, modernes Drei-Sterne-Haus mit 13 Zimmern, der Service arbeitet akkurat und aufmerksam, alles ganz normal also. Aber das Hotel ist auch ganz anders als andere Häuser, denn Gerlach und acht weitere der 13 Mitarbeiter haben eine geistige, körperliche oder psychische Behinderung. Im freien Jobmarkt würden sie nicht eingestellt. Integrative Betriebe wie das Stadthaushotel dagegen bauen auf die Leistungsfähigkeit und Offenheit von Menschen mit Handicap. Sie sollen einen Platz in der regulären Arbeitswelt bekommen und in das normale Alltagsleben integriert sein.

1993 eröffnet war das Hamburger Haus das erste Integrativhotel Europas. Die Eltern der heutigen Mitarbeiter stellten das Projekt auf die Beine, um für ihre Kinder Alternativen zur üblichen Behinderten-Werkstatt zu schaffen. Mittlerweile kooperieren 14 integrative Betriebe in Deutschland unter der Marke 'Embrace Hotels' -- wörtlich übersetzt Häuser, die umarmen. Ein Jugendgästehaus an der Ostsee ist dabei, Business- und Tagungshotels in Mainz und Erfurt, aber auch ein Vier-Sterne-Wellnesshaus und ein Schlosshotel in Bayern.

Alle Betriebe verbindet eine gemeinsame Überzeugung: Das Zusammensein von Menschen mit und ohne Behinderung ist die normalste Sache der Welt. Mit behinderten Menschen umzugehen fällt nicht behinderten Menschen allerdings oft schwer. Ein Hotelgast aber muss nicht unsicher sein, denn die Situation ist alltäglich und die Rollen sind klar festgelegt: "Wer bei uns übernachtet, der will für sein Geld eine gute Dienstleistung, und die bekommt er", sagt Stadthaushotel-Manager Christian Wagner.

Wie jedes Hotel definieren sich auch die Embrace-Häuser über die Qualität ihres Service. Allerdings sehen sie sich nicht als reine Dienstleistungsunternehmen. Statt als dezente gute Geister zu dienen, sollen die behinderten Hotelkräfte mit den Gästen in Kontakt treten. "Die Begegnung und das gegenseitige Erleben der Menschen mit und ohne Behinderung steht im Mittelpunkt" heißt das Leitbild.

Ob der Gast mit einer positiven oder einer negativen Erfahrung abreise, das sei völlig offen, sagt Wagner. Schließlich gehe es nicht um Gutmenschlertum, und keinesfalls wolle das Stadthaushotel einen Behindertenbonus. Warum auch? Die Mitarbeiter sehen vielleicht ein bisschen anders aus und sprechen undeutlicher. Doch sie sind so wie Hotelpersonal sein soll: Höchst engagiert und zuvorkommend, zudem herzlich und ungekünstelt. "Meine Leute machen keine Unterschiede", sagt Wagner. "Jeder Gast wird gleich freundlich behandelt."

Die weniger kommunikativ Mitarbeiter im Stadthaushotel beziehen Betten und putzen Bäder, helfen in der Küche oder mangeln und bügeln Wäsche. Wer besonders offen und flexibel ist, arbeitet auch im Frühstücksservice. Fast alle der Mitarbeiter haben Trisomie 21, das sogenannte Down-Syndrom, sie brauchen vertraute Strukturen und gleich bleibende Arbeitsabläufe. Und sie mögen keine seelenlosen Maschinen, daher tragen die beiden Hotelstaubsauger Kulleraugen und die Namen Henry und Henriette.

Tritt eine unvorhergesehene Situation auf, dann stehen erfahrene Hotelfachleute den Kollegen mit Behinderung zur Seite. Das Schlimmste, das einem Gast dann passieren kann, ist ein bisschen warten zu müssen. Vor allem Geschäftsreisende schätzen die stressfreie Atmosphäre des kleinen Hotels. "Dieses Haus tut gut im hektischen Alltag!" steht im dicken Gästebuch.
Wagner hat sein Team intensiv geschult. Damit jeder seine volle Leistung bringen kann, sind die Längen der Schichten sowie die Arbeitsabläufe individuell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt. Auf den Putzlisten stehen Detailanweisungen: "Müll raus, neuer Müllbeutel" und "Klopapier da?"

Wer nicht lesen kann, erkennt an Farbmarkierungen, welches ein 'Abreisezimmer' oder ein 'Bleibezimmer' ist. Symbole zeigen, wo das Zustellbett hingehört und der Duschstuhl für Rollstuhlfahrer. Damit auch Körperbehinderte in 'Embrace Hotels' arbeiten können, sind alle Häuser barrierefrei. Das wiederum ist ein attraktives Plus für Gäste mit Behinderungen und für ältere Reisende.

Der Embrace-Verbund beziffert die Auslastung seiner Häuser als durchschnittlich zehn Prozent höher als die der Konkurrenz vor Ort. Im Stadthaushotel Hamburg etwa liegt die Quote bei 85 Prozent. Der Erfolg zeugt von einem wachsenden Bedarf nach Integrativhotels, heißt es beim Embrace-Verband. Mehr als 30 Pläne für neue Integrativhotels gebe es derzeit, jeden Monat melden sich weitere Interessenten, darunter auch Anfragen aus Österreich, Luxemburg und Ungarn.

Ein Großprojekt steht in Hamburg selbst an. 2011 soll in dem neuen Stadtteil HafenCity ein integratives Drei-Sterne-Hotel mit 80 Zimmern, Konferenzräumen, Festsaal und Restaurant eröffnen. Mehr als die Hälfte der geplanten 90 Stellen will der Trägerverein, der auch das Stadthaushotel betreibt, mit behinderten Menschen besetzen. Gezahlt wird nach Tarif für Hotelhilfskräfte. Mobilität und Teamfähigkeit sind die Grundkriterien für den Hoteljob, in einem dreimonatigen Praktikum werden die Motorik und das Lernvermögen der künftigen Mitarbeiter getestet. Schon jetzt stapeln sich die Bewerbungen.

Auch Nikki Gerlach will in das große Haus am Hafen wechseln, erzählt er in seiner Mittagspause. "Sport mache ich nicht mehr", sagt er. "Arbeiten ist doch viel schöner."

[Quelle: http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,641440,00.html]

Montag, 29. Juni 2009

Der zweite Teil des Interviews bei Netdoktor ist online

Über Bélas blog kam von Iko der Hinweis, dass der zweite Teil des Interviews bei Netdoktor online steht, und zwar >>hier<<.

Down-Syndrom: "Druck auf Schwangere ausgeübt"
München (netdoktor.de) - Die Pränataldiagnostik macht es möglich: Die detektivische Suche nach genetischen Störungen wie dem Down-Syndrom bei Ungeborenen. Ildikó von Ketteler hat keinen Test gemacht - und ist heute Mutter des zweijährigen Béla, der ein Zusatzchromosom hat. NetDoktor.de-Redkateurin Martina Feichter sprach mit ihr über den Druck, der auf Schwangere ausgebübt wird, was Untersuchungen vor der Geburt wirklich bedeuten, wie Behinderte in der Gesellschaftausgegrenzt werden, und warum Kinder mit Down-Syndrom so viele Menschen wie möglich bezaubern sollten.

Sonntag, 28. Juni 2009

Hallo Ü-Wagen - Frühe Tests auf Down-Syndrom - Podcast

Wer die Sendung verpasst hat, kann
hier
die Audio-Datei bzw. den Beitrag als podcast herunterladen!

Sonntag, 21. Juni 2009

Jennifer Graf Groneberg: Road map to Holland - How I Found My Way Through My Son's First Two Years with Down Symdrome



Dieses Buch von Jennifer Graf Groneberg liegt nun schon einige Wochen (Monate?) in meinem Buchschrank, hatte ich bislang noch nicht den Mut dazu, es zu lesen. Vor ein paar Tagen aber habe ich es mir geschnappt und losgelegt. Jennifers Worte sind genau die, die mir manchmal gefehlt haben, Dinge zu beschreiben. Insbesondere die erste Zeit, Krankenhaus - Geburt - erste Befürchtungen der Diagnose - das tiefe Fallen und Funktionieren in der ersten Zeit - das Umgehen mit unbedachten Äußerungen von Mitmenschen - den Weg durch den Therapie- und Fördermöglichkeiten / Dschungel - letztlich die Erkenntnis, hätte ich das alles doch vorher gewußt, hätte ich vielleicht weniger Tränen geweint. Ich habe dieses Buch mit Staunen gelesen, welche Details von Jennifer angesprochen werden und auch mit Bewunderung, wie offen sie ihre eigenen Ängste und Fragen konkretisiert und anspricht. Mich hat das Buch sehr gerührt, weil ich einige Parallelen erkennen konnte; ich bewundere Jennifer für die Art und Weise, wie sie all diese Gedanken festhalten und formulieren konnte. Ich kann es unbedingt empfehlen, und ich bin sehr begeistert!


Auch bei Lola findet man etwas über dieses Buch, genauso wie bei Conny.

von Amazon:

From Publishers Weekly
Montana wife and mother Groneberg traces in her tenderly moving account the life-changing realization after the premature birth of her twin boys that one of them, Avery, has Down syndrome. Utterly unprepared for the emergency C-section of the seven-week-early preemies, Groneberg and her writer husband, Tom, the parents of a four-year-old, are devastated by the news about Avery, and they must gradually alter their easygoing future plans about raising their kids. They reject the notion of adoption, suggested by a well-intentioned nurse at the hospital where the babies are ensconced in the neonatal intensive-care unit, and embark on an exhaustively trying, ultimately enlightening journey to care for the needy babies, especially Avery, and educate themselves about his condition. Rising from the shame of feeling that their family is broken, and letting slide hurtful comments by a grocery-store clerk or neighbor, Groneberg devoured books and information from the Internet, and began to foster their son's development by seeking out physical therapists and specialists. Small gains in Avery's motor skills were causes for celebration, and the beginning of speech the greatest gift the parents could ask for. Groneberg affectingly delineates these gradual, hard-won stages during Avery's first year toward love and acceptance. (Apr.) Copyright © Reed Business Information, a division of Reed Elsevier Inc. All rights reserved.

Pressestimmen
“Rich with honesty, wisdom, and a deep appreciation for every day miracles, Road Map to Holland is a thoughtful, moving meditation on the struggles and joys Jennifer Graf Groneberg and her family experienced during her son Avery’s first two years. Groneberg offers a wealth of insight, information, and even practical resources for families whose children have Down syndrome. Yet this book is first and foremost a story about the constant discovery of love, and it will resonate with every reader who has traveled the always unpredictable, often overwhelming, wonder-filled journey into parenthood.” —Kim Edwards, author of The Memory Keeper’s Daughter

“I have been ‘to Holland’ for eighteen years now, and this book brought back so many thoughts and feelings I had saved up that I felt an immediate sisterhood with Jennifer. I watched her deal with that same fear of the unknown that singed my heart, and I wept when she reached that crucial moment when she found that same place of self-forgiveness. No matter who or where you are in relation to a child with Down syndrome, these pages will be like signposts along your road, to give hope and a new way of seeing things. It’s good to be able to see the potholes coming and be ready for them, and it’s good to know when to pull over and take the time to enjoy the breathtaking views that only happen on this road. Thank goodness for road maps!” —Martha Sears, coauthor, The Baby Book: Everything You Need to Know About Your Baby From Birth to Age Two and author, 25 Things Every New Mother Should Know

“What a remarkable book! With excruciating candor and exquisite generosity, Jennifer Graf Groneberg invites us into the deepest privacy of her innermost thoughts, feelings, fears, challenges and triumphs. Nothing is left out in this amazingly intimate and profound journal. She allows us into every nook and cranny of her life and we find ourselves firmly ensconced in her heart.” —Emily Perl Kingsley, national spokesperson and advocate for people with disabilities and author of "Welcome to Holland"

“This is the story of Avery—a child with Down syndrome who transformed his mother’s broken heart into one filled with cheer, awe, and pride. He offers all new and expectant parents a powerful perspective on life’s greatest lessons.” —Brian Skotko, M.D., M.P.P., Children’s Hospital Boston & Boston Medical Center.

“Bursting with hope, Groneberg’s account of mothering Avery highlights the triumph of love over fear. Its candid, vivid prose and poignant emotion make the story is difficult to put down and impossible to forget. Herein lies truth to be pondered and savored by every mother, every woman, every human being.” —Kathryn Lynard Soper, editor of Gifts: Mothers Reflect on How Children with Down Syndrome Enrich Their Lives
Mia wurde im Juli 2007 geboren. Der nach 2 Tagen geäußerte Verdacht eines Chromosomendefektes bestätigte sich nach einer Woche: Mia hat das 21. Chromosom dreimal, Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom. Mit diesem Blog wollten wir alle Interessierten ursprünglich einladen, an Mias Entwicklung und wie sie die Welt entdeckte, teilzunehmen.

Mia verstarb am 24.04.2008 um 22.35h -nach 7-wöchigem Krankenhaus-aufenthalt- an den Folgen einer pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck), wahrscheinlich verursacht durch ihren angeborenen Herzfehler, ein großer ASD II. Sie wurde nur 9,5 Monate alt. Mia`s letzte Reise kann man hier direkt nachlesen.

Auch wenn Mia nicht mehr hier ist, ist sie immer in unseren Herzen. Dieses blog bleibt solange bestehen, wie wir meinen, dass es informieren und helfen kann. Viel zu viele Menschen haben ein völlig falsches oder gar kein Bild von Menschen mit Down Syndrom. Das wollen wir ändern, so wie Mia es uns gelehrt hat.

Lilypie Warten auf Adoption Ticker