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Samstag, 27. Juni 2015

"Warum kann Mia nicht antworten?"

Heute war ich mit dem kleinen Bruder bei Mia am Grab, wir haben hier und da ein bisschen die Blumen geschnippelt, um ansatzweise wieder eine Herz-Form erkennnen zu können, und auch den Schmetterlingsbusch mussten wir ein wenig kürzen. Der kleine Bruder hilft da immer sehr gerne mit, und immer dann wenn ich im Blumenladen am Friedhof eine Rose für sie kaufe, bekommt der kleine Bruder meistens eine Blume geschenkt. Heute war es eine gelbe Gerbera- Hellgelb. Total schön! 

Meistens ist er sehr fröhlich. Als wir mit unseren Blumen zum Grab gingen, sagte er "da freut sich Mia heute Abend, wenn es dunkel wird, dass wir eine Kerze angemacht haben und über die Blumen!" - ja, da freut sie sich sicher. Er hat dann abschließend noch die Erde schön geharkt und Mia dann ein Luft-Küsschen gegeben. In diesem Fall: Ihrem Bild. 

Und dann fing er an, mit Mia zu reden. Und fragte mich, warum Mia denn nicht antwortet. Wir sind immer schon sehr offen mit diesem Thema mit ihm umgegangen, aber manchmal fällt es mir wirklich schwer. Ich habe ihm heute gesagt, dass Mia ihn vielleicht mal im Traum besuchen kommt, und da kann er dann mit ihr sprechen. So mache ich es zumindest. 

Später am Nachmittag sagte er zu mir:"der Leo der ist doch auch im Himmel. Warum?" - Leo ist der Golden Retriever meiner Eltern gewesen, der vor kurzem gestorben ist. "Leo war ziemlich krank, und auch schon alt." Wieso sagt man das? Leo war nämlich gar nicht alt. Irgendwie rutschte mir das so raus. Weil das eben irgendwie so sein sollte, dass man eben nur stirbt, wenn man alt ist. Ist aber nicht so, aber irgendwie bremst mich da was aus, weil ich ihm dass dann doch so eben nicht sagen will. Weil er sich eben schon genug Gedanken immer macht, darüber das einer von uns nicht mehr da sein könnte. Wobei es hier immer mehr so ist, dass er eher Angst hat, dass "einer geklaut wird.". Manchmal, so ganz kurz vor dem Einschlafen,sagt er dann so Dinge wie:" Mama, ich habe Angst."-"Warum hast Du Angst?" - "Das ein Räuber kommt, und Dich mitnimmt. Und ich Dich nie wieder sehe." - Das knackst ganz schön in meinem Mutterherz! Ich drücke ihn dann ganz fest, und sage ihm dass mich keiner klaut. Und ich immer auf ihn aufpasse. 

Aber ist das richtig? Denn eigentlich kann niemand dem anderen versprechen, dass er immer da ist - aber das mag ich ich nicht einem 3,5-jährigen sagen, und außerdem möchte ich einfach fest daran glauben, dass ich erlebe dass ich Oma werden. Und solche Sachen. Das wäre schön. Ich wünsche mir sehr, dass wir noch viel Zeit haben - aber die Angst, dass es nicht so sein könnte, ist immer da. Also versuche ich einfach jeden einzelnen Tag voll zu genießen, jeden Moment aufzusaugen. Das ist manchmal nicht so einfach, das Leben ist so schnell, der Spagat zwischen Beruf und Familie manchmal sehr schwierig. 

Aber es muss gehen.Daran glaube ich fest.  


Freitag, 19. Juni 2015

Liebe. Sehnsucht. Leben. Und Loslassen.

Loslassen konnte ich schon immer schlecht. Bereits als Jugendliche hat es mich sehr beschäftigt, dass ich Momente, Situationen nicht festhalten konnte. Das hat auch in jungen Jahren zu meinem ersten Tattoo geführt - ich wollte einen Bereich meines Lebens für immer festhalten. Auf meiner Haut. Quasi unveränderbar.

Immer wenn das Leben so schön ist, oder so traurig, wenn es eben das Leben ist - dann lässt mich das manchmal ganz schön verzweifelt zurück - weil ich weiß, dass kein Moment so wiederkommt. Deswegen schrieb ich damals alles auf hier, 1 Jahr nach Mia´s Tod, wollte ich jeden Tag mit ihr festhalten. Deswegen schrieb ich ständig in Julius´Schwangerschaft und seinen ersten Lebensmonaten. 

Loslassen. Darin musste ich mich üben.

Und so ließ ich auch mein virtuelles Zuhause hier los, das Leben nahm mich einfach mit auf die Reise, und ich tauchte ein. Aber in letzter Zeit, da gab es so viel - so vieles was ich festhalten möchte. Für einen besonderen Bereich meines Lebens kaufte ich mir also tatsächlich Anfang des Jahres eine Kladde und schrieb Briefe. Handschriftlich. Immer wenn mein Kopf vor Rauschen und Gedanken zu platzen drohte. Das hat auch toll funktioniert, aber letztlich ist es noch wieder etwas anderes.

Wie geht man um, mit einer Liebe, die manchmal so sehr schmerzt dass es das Herz zerreißt. Wie geht man um, mit der Schönheit des Augenblicks, denn man für immer festhalten will und doch nicht kann. Wie geht man um, mit dem Wissen, das nicht für immer bleibt? 

Mir fällt das sehr schwer. Bei mir wichtigen Menschen habe ich keine Gelassenheit mehr. Muss alles immer sofort erledigen, sofort sagen- dadurch habe ich schon das ein oder andere mal sehr viel Druck aufgebaut, weil ich immer denke, ich - oder der andere Mensch- könnte morgen nicht mehr da sein. Es ist mir wichtig, mein Kind abends ins Bett zu bringen, ihm zu sagen dass ich ihn liebe. Es schmerzt jeden Abend, dass ich meine Tochzer nicht ins Bett bringen kann. 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mir selbst im Wege stehe, weil mir diese Dinge wichtig sind - was eigene Zeit angeht oder Freizeit- gerade was das Laufen angeht, komme ich zur Zeit zu nix. 

Aber dann, wenn ich abends neben meinem Kind im Bett liege und seinen ruhigen Atem höre, dann habe ich keine Angst. Dann tut mein Herz nicht weh, ob der verlorenen Dinge, der Momente voller Liebe und Freude in meiner Erinnerung, des Wissens dass Dinge nicht festzuhalten sind- auch wenn man es noch so sehr will. 

Es hilft nur, den Moment zu genießen, solange er währt. Und sich jeden Tag im loslassen zu üben. 

Und dankbar zu sein, dass ich Menschen kenne, die mir solch bewegende Texte zu schicken, und mich daran erinnern, was wichtig ist. Und viel wichtiger: mir zeigen, das sie an mich gedacht haben. 

Mia wurde im Juli 2007 geboren. Der nach 2 Tagen geäußerte Verdacht eines Chromosomendefektes bestätigte sich nach einer Woche: Mia hat das 21. Chromosom dreimal, Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom. Mit diesem Blog wollten wir alle Interessierten ursprünglich einladen, an Mias Entwicklung und wie sie die Welt entdeckte, teilzunehmen.

Mia verstarb am 24.04.2008 um 22.35h -nach 7-wöchigem Krankenhaus-aufenthalt- an den Folgen einer pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck), wahrscheinlich verursacht durch ihren angeborenen Herzfehler, ein großer ASD II. Sie wurde nur 9,5 Monate alt. Mia`s letzte Reise kann man hier direkt nachlesen.

Auch wenn Mia nicht mehr hier ist, ist sie immer in unseren Herzen. Dieses blog bleibt solange bestehen, wie wir meinen, dass es informieren und helfen kann. Viel zu viele Menschen haben ein völlig falsches oder gar kein Bild von Menschen mit Down Syndrom. Das wollen wir ändern, so wie Mia es uns gelehrt hat.

Lilypie Warten auf Adoption Ticker