Christine hat mir freundlicherweise erlaubt, Ihre Erfahrungen hier zu veröffentlichen:
"Als unser Sohn Sebastian im Jahr 1986 mit dem Down-Syndrom geboren wurde, stand für uns nach dem ersten Schock ziemlich schnell fest, dass wir ihm ein Leben ermöglichen wollten, in dem er so sein darf, wie er ist, und dabei dennoch immer da sein darf, wo alle anderen auch sind. Das war vor 20 Jahren noch ein geradezu exotisches Ansinnen. Geistig behinderte Kinder gingen ganz selbstverständlich in den Sonderkindergarten, anschließend in die Sonderschule für Geistig Behinderte und dann in die Werkstatt, basta. Im Wohnumfeld wurden sie praktisch mit dem Kindergarteneintritt nicht mehr gesehen.
Sebastian war meines Wissens das erste Kind mit Down-Syndrom in einer Regelkindertagesstätte in unserer Stadt. Die ziemlich hohen Elternbeiträge haben wir selbstverständlich aus eigener Tasche bezahlt. Die Beiträge für einen Sonderkindergarten bezahlte dagegen, ja klar, die „Ein“gliederungshilfe!
Als die Einschulung anstand, hatte sich gerade die zweite Bürgerinitiative zur Einrichtung einer integrativen Grundschule erfolglos aufgerieben. Außerdem hatte man uns schließlich mit all den einleuchtenden Argu¬menten für die Sonderschule weichgeklopft: kleine Klassen, qualifi¬zierte Lehrer, individuelle Förderung und natürlich der „Schonraum", das Erfolgreichseinkönnen unter absolut Ebenbürtigen. Irgendwann wussten wir selbst kaum noch, ob wir mit der Integration wirk¬lich das Beste wollten für unseren Sohn, oder ob wir Gefangene unserer eige¬nen Ideologie waren. Wir wagten kaum noch, auf die innere Stimme zu hören, die uns sagte, dass es irgendwie nicht richtig sein kann, behinderte Kinder so aus ihrem normalen Umfeld auszusortieren.
Und so begleiteten wir Sebastian schweren Herzens zur Einschulung in der Sonderschule. Wir trösteten uns da¬mit, dass er dort im¬merhin glücklich sein würde, wenn wir es schon nicht so recht sein konnten.
Aber er war es auch nicht. Plötzlich war da kein Kind mehr, das ihm bekannte Orientierungs- und Verhaltensmuster bot. Da Sebastian keine Geschwister hat und mit Eintritt in eine Ganztags-Sonderschule kaum noch eine Möglichkeit blieb, Kontakte zu nichtbehinderten Altersgenossen auf¬rechtzuerhalten, hing er mit seinem bis dahin erlernten Sozialverhalten plötzlich völlig in der Luft. Verunsichert fiel er daraufhin in frühkindliche Kontaktaufnahmemuster zurück wie zum Beispiel Kneifen. Ansonsten versuchte er, sich anzupassen. Da Beobachten und Imitieren immer schon seine erfolgreichste Lernstrategie war, gelang ihm das bald ganz vortrefflich. Und damit hatte er das nächste Problem.
Denn kaum brachte er stolz eine seiner neuerworbenen „Fähigkeiten" mit nach Hause, erntete er von uns statt Bestätigung nur Kritik, obwohl wir wussten, wie ihn das belasten musste. Aber morgens immer ein geistig behindertes Kind mit seinen spezifi¬schen Verhaltensweisen in die Schule zu schicken und nachmittags regelmäßig die Verhaltensweisen von fünf geistig behinderten Kindern zurückzubekommen, das drehte uns einfach den Magen um.
Außerdem stellten wir schnell fest, dass auch an Sonderschulen Anspruch und Realität zum Teil dramatisch auseinanderklaffen. Und dies ist keine Kritik an den dort tätigen Pädagogen. Aber was nützt z. B. die beste Sprachförderung, wenn da nicht ein einziger Mitschüler ist, der normal spricht.
Überdies kann so eine vielgepriesene kleine Klasse spielend ein größeres Chaos veranstalten als eine mit durchschnittlichen Rabauken besetzte 25köpfige Grundschulklasse, so dass die „gezielte und individuelle Förderung" oft genug auf eine Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslief. Der erwartete „Schonraum" ent¬puppte sich als Wunschvorstellung - auch an der Sonderschule gibt es Ag¬gression, Gewalt und Mobbing. Oft genug stieg Sebastian schluchzend aus dem Bus.
Ich habe schon Kinder getroffen, die sich dort wohl zu fühlen schienen und deren Eltern auch zufrieden waren. Aber Sebastian war dort nicht mehr er selber. Er mutierte zu einem durchgedrehten, uns fremden Wesen mit immer neuen Macken. Das Argument der Schule, Sebastian müsse eben lernen, mit anderen Behinderten zu leben, leuchtete uns wohl teilweise ein. Aber der Preis dafür durfte doch nicht sein, dass seine Fähigkeit, mit seiner Familie und sei¬nem sonstigen Umfeld zurechtzukommen, so stark litt, dass man das Gefühl hatte, er würde immer behinderter.
Also unternahmen wir noch einmal verstärkt Anstrengungen, eine integrative Schule ins Leben zu rufen. Im Verein mit einigen gleichgesinnten Eltern gelang das schließlich. Trotzdem hatten wir schon Bauchschmerzen, als unser Sohn nach zwei Jahren Sonderschule mit nagelneuer Schultüte in die Klasse 1 a der nahe gelegenen Grundschule einrückte. War es richtig, ihn der „rauen Wirklichkeit“ auszusetzen? Oder würde die Überzeugung, dass auch ein behindertes Kind in die Schule „um die Ecke“ gehört für ihn nur zu Enttäuschung und Überforderung, zu einem „integrationsgeschädigten“ Kind führen, würde er hier nur seine Andersartigkeit schmerzlich erfahren?
Doch die bald einsetzende Metamorphose entschädigte uns für alle Ängste und Zweifel. Sebastian fühlte sich auf Anhieb in der neuen Schule wohl. Er wurde ein fröhliches, ausgeglichenes Schulkind. Seine Mitschüler akzeptierten ihn sofort. Ihre spontane Begeisterung, wenn er im Rahmen seiner Möglichkeiten eine kleine Leistung erbrachte, verschafften ihm Erfolgserlebnisse, die er so in der Sonderschule offensichtlich nie hatte. Sein Sozialverhalten und seine körperliche Geschicklichkeit entfalteten sich in nie gekannter Weise, selbst Mimik und Bewegungsabläufe schienen sich zu harmonisieren, ja zu „normalisieren". Sein Wortschatz explodierte geradezu, Kein Bettnässen mehr, neuer Ehrgeiz beim alleine An- und Ausziehen. Es taten sich neue Horizonte auf.
Er und alle Kinder erlebten Anderssein als etwas Normales und nicht als etwas Schmerzliches. Meine diesbezüglichen Befürchtungen hatten wohl eher damit zu tun, dass ich selbst nun die Behinderung meines Kindes sehr bewusst akzeptieren musste. Ich musste jeden Tag aufs Neue diesen kleinen Stich ins Herz, ertragen, wenn ich meinen Sohn im Vergleich mit den anderen Kindern sah. Nicht Sebastians Schonraum hatte ich geopfert, sondern meinen eigenen. Zu Sonderschulzeiten haben wir uns geradezu auf einem roten Teppich bewegt. Wir mussten uns um nichts kümmern, Übermittagbetreuung, Schülertransport, alles war selbstverständlich. (und kostenlos!) Jetzt musste ich ständig irgendetwas organisieren, improvisieren, durchkämpfen und dann auch noch bezahlen. Doch wenn wir jemals in unserem Leben eine richtige Entscheidung getroffen haben, dann war es diese.
Auch Kinder, von denen man es nicht unbedingt erwarten würde, suchten oft seine Nähe: Den „Überfliegern“ schien es gut zu tun, sich ab und zu auf Sebastians eher gefühlsbetonte Ebene zu begeben, und die kleinen „Rambos“ spürten genau, dass sie hier nichts beweisen mussten und auch ihre weichen Seiten zeigen konnten.
Soziale Eingebundenheit im Wohnviertel, Geburtstagseinladungen, Begegnungen mit Mitschülern beim Einkaufen, Spazierengehen, Lambertussingen, waren uns wichtig. Aber auch sonderpädagogische Förderung schien in dem anregenden, vielfältigen Umfeld auf besonders fruchtbaren Boden zu fallen. Alle Kinder lernten lesen, also tat er das auch und fahndete bald stolz auf Speisekarten erfolgreich nach „Pizza“ oder „Coca-Cola“ oder entdeckte in der Fernsehzeitung seine Lieblingssendung. Und obwohl sein Mengenbegriff etwa bei „fünf“ endet, konnte er nun zweistellige Ziffern immerhin lesen, weil sie einfach ständig an der Tafel standen. Das ist beim Umgang mit Kalendern oder Busfahrplänen durchaus hilfreich! Da unser Sohn morgens mit ausgebreiteten Armen und Freudengeheul auf seinen Klassenlehrer zulief, herzlich von seinen Mitschülern begrüßt wurde, sich dann mit dem Hausmeister zum Kakaoflaschensortieren verabredete und mich mit einem knappen „will jetzt arbeiten“ verabschiedete, wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Und wir erlebten auch, wie wichtig dieses Erfahrungsfeld für die nichtbehinderten Kinder ist: Sie lernen, dass Defizite nicht negativ bewertet werden müssen, dies gibt ihnen mehr Akzeptanz auch für eigene Schwächen und Merkwürdigkeiten. Die integrative Kraft der behinderten Kinder kann das Leben in der Gemeinschaft für alle positiv beeinflussen und bereichern. So müsste insgesamt in Zeiten einer zunehmend heterogenen Schülerschaft Schule beschaffen sein, um allen Kindern einen optimalen Start ins Leben gemäß ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Anlagen zu geben. Wir erlebten die Fähigkeit behinderter Kinder, Güte, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Respekt vor dem Andersartigen, Geduld, Einfühlungsvermögen sogar in manchem eher ruppig erscheinenden Mitschüler zu wecken. Daher fragen wir uns längst, ob es überhaupt verantwortbar und legitim ist, einem Großteil der nichtbehinderten Kinder diese Erfahrungen zu verweigern und sie so an der Entwicklung eines ganzheitlichen Menschenbildes zu hindern.
Wir hofften, dass Sebastian nach der Grundschule weiter seine Identität und den Umgang mit seiner Andersartigkeit in einem erzieherisch beeinflussten, aber gesellschaftlich realen Umfeld finden könne. Dass er so sein Sozialverhalten entwickelt, lernt, mit höheren, (auch mal mit zu hohen) Anforderungen umzugehen, so dass er möglichst weit gefächerte Optionen auch für sein Erwachsenenleben hat.
Aber das haben wir nicht geschafft:
Bürgerinitiative, Gerichtsverfahren durch alle Instanzen, Öffentlichkeitsarbeit, ziviler Ungehorsam, nichts half, Sebastian wurde mit behördlicher Anordnung aus seinem Umfeld herausgerissen und wieder in die Sonderschule am anderen Ende der Stadt zwangseingewiesen. Diese schlimme Phase böte alleine Stoff für ein Buch. Hier nur soviel dazu: Ich pflichtete früher der Ansicht aller „Integrationspäpste“ bei, dass es keine Art oder Schwere einer Behinderung gäbe, die eine erfolgreiche Integration ausschließt. Aber die gibt es: Ein absolutes Integrationshindernis sind die hartnäckig persistierenden, sehr therapieresistenten Lernbehinderungen unserer angeblich „nichtbehinderten“ Entscheidungsträger auf allen Ebenen.
Ja, was soll ich über die dann folgende Zeit sagen? Die Argumente der Behörden gegen eine Integrative Schule lauteten, dort sei der Anteil an Ausländerkindern und Kindern aus sozial problematischen Elternhäusern zu hoch, und Sebastian bedürfe durchgehend einer Einzelbetreuung bzw. durchgehenden Doppelbesetzung in der Klasse. Er brauche Rückzugsmöglichkeiten, eine reizarme Lernumgebung und Förder- und Therapieangebote. Und so sah die Realität dann an der Sonderschule in seiner ersten Mittelstufenklasse aus: Sprachtherapie erhielt er nicht, aber dafür wurde die ambulante Logopädie von der Krankenkasse mit Hinweis auf mögliche Therapie in der Schule gestrichen. Ausländeranteil 60 %, Sebastian war so ziemlich der einzige in seiner Klasse, der aus wirklich geordneten Verhältnissen kam, und zwei Drittel des Schultages waren mit nur einer Lehrkraft besetzt. Wie in der Grundschule waren ihm auch hier die meisten Schüler kognitiv weit überlegen, nur mit dem Unterschied, dass sie aufgrund eigener Problematik sehr stark das Bedürfnis hatten, sich nach „unten“ abzugrenzen. Und so lernte Sebastian als Erstes, dass „behindert“ ein Schimpfwort ist. Sebastian floh ständig aus der Klasse. Die Lehrer kommentierten dies mit: „Ja, wir können ihm hier nicht gerecht werden, er geht ein bisschen unter“.
Ein Klassenwechsel brachte dann Besserung. Trotzdem war es sehr schwer und schmerzlich für Sebastian, sich in dieser Schule einzuleben. Wir betrachten nach wie vor diese Zeit als verheerenden Bruch in seiner Biografie. Es wurde natürlich auch immer mühsamer, noch irgendeinen Kontakt zu nichtbehinderten Gleichaltrigen aufrechtzuerhalten. Sebastians Entwicklung stagnierte in machen Bereichen, es gab sogar Rückschritte: Zeugniszitat: „Beim Lesen hast du uns sehr verblüfft mit dem, was du schon alles kannst. Das Zusammenschleifen der Buchstaben und das Lesen einfacher Texte bereitet dir wenig Mühe. Wenn du ganz neue Wörter ziemlich selbstverständlich vorliest, staunen deine Mitschüler nicht selten.“ Ein Jahr später dann: „Das Lesen und Schreiben erfordert deine ganze Konzentration und strengt dich sehr an“ ………
Nach einer Weile machte er natürlich wieder Fortschritte. Besonders die letzten Jahre in der „Übungswohnung“ haben ihn doch sichtlich weitergebracht, hier fühlte und fühlt er sich auch wohl. Aber unseren Traum, ihm nach der Schule eine Alternative zur Werkstatt eröffnen zu können, den mussten wir nach längerer und intensiver Rücksprache mit dem Integrationsfachdienst schließlich doch begraben. Dafür reicht das Rüstzeug einfach nicht aus, das eine separierende Schule mitgeben kann, auch wenn die Lehrer – wie in diesem Fall – noch so offen und engagiert sind. Wenn ich erlebe, wie sich die Schüler mit Down-Sydrom in den integrativen Klassen der Umlandgemeinden entwickeln, welche Fertigkeiten sie in den Kulturtechniken erreichen, wie sehr sie sozial eingebunden sind, dann packt mich schon der gelbe Neid. Wie es der Wissenschaftler Feuser doch so treffend formulierte: Die Auseinandersetzung mit den nichtbehinderten Altersgenossen ist durch nichts und niemand und auch durch keine sonderpädagogische Akrobatik zu ersetzen.
Zwei Fragen kann ich bis heute nicht beantworten:
• Was leistet eine Sonderschule für ihre Schüler, was eine integrative Schule nicht leisten kann?
• Und was davon ist es tatsächlich wert, dass man dafür junge Menschen über ein Jahrzehnt lang von allen nichtbehinderten Altersgenossen isoliert?
Sebastian war durchaus in guten Händen in den letzten Jahren. Dass er jetzt ein fröhlicher, selbstbewusster junger Mann ist, ist auch mit das Verdienst seiner Lehrer. Es ist schade, dass diese Sebastian nicht in einer Schulstruktur fördern durften, die allen – Schülern wie Lehrern - mehr Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Vielleicht hätte sich selbst dann ergeben, dass er sich anschließend in einer Werkstatt für Behinderte am wohlsten fühlt, aber er hätte wenigstens die Wahl gehabt. So werden wir nie wissen, wie er sich unter normalen Bedingungen entwickelt hätte. Und die Trauer über diese verpassten Möglichkeiten wird immer bleiben."
Oktober 2006 Christine Dosche