Das perfekte Neujahrsbaby
Im halb benommenen Zustand der Feiertagsverdauung konnte man eine kleine Nachricht dieser Tage fast überlesen und überhören: Ab 1. Jänner 2010 müssen Mütter, um das volle Kindergeld zu bekommen, drei neue Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass vorweisen. Sie müssen kontrollieren lassen, ob sie das HI-Virus in sich tragen, ob sie an so genannter Schwangerschaftsdiabetes leiden und sie müssen schon in der achten bis zehnten Schwangerschaftswoche eine Ultraschalluntersuchung vornehmen lassen. Letztere diene, wird argumentiert, der Früherkennung von Eileiterschwangerschaften, einerseits, und der „frühen Entdeckung der Auswirkungen von etwaigen Chromosomenschäden beim Fötus“, andererseits.
Liest sich locker und logisch. Freiwillig und gegen eigene Bezahlung, sofern man nicht als „Risikoschwangere“ galt, konnte man diese Befunde auch bisher erheben lassen.
Nun führt man aber die Verpflichtung auf ein Wissen ein, das im frühen Schwangerschaftsstadium noch sehr vage ist. Ultraschallbilder können in der Frühschwangerschaft nur wenige „Fehler“ des Kindes mit höherer Wahrscheinlichkeit darstellen. Vor allem Herzfehler, die auf ein Down-Syndrom schließen lassen.
Ein Verdacht bei ersten Untersuchungen zieht weitere Interventionen nach sich. Nackenfaltenmessung, weiterer Ultraschall, Blutwerte, Hormon-Test, und dann noch immer keine Sicherheit, sondern nur eine Prognose: Ihr Kind wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gesund sein. Am Ende die Frage, der jede Frau ausweichen will: Schwangerschaft abbrechen oder nicht?
Bislang blieb es Frauen vorbehalten, sich freiwillig für pränatale Untersuchungen ihres Kindes zu entscheiden. Es gab so etwas wie ein Recht auf Nichtwissen, auf Überraschung, auf Vertrauen, mit dem Kind, wie es sich zeigen würde, leben zu können. Verbindliche Untersuchungen machen dieser Selbstbestimmung ein Ende.
Auch wenn diese Vorsorge gut gemeint ist, geht sie zu weit. Gibt es eine Pflicht zum gesunden Kind? Unklare Befunde können die Schwangerschaft zu einer Zeit ohne gute Hoffnung machen. Noch ist kaum erforscht, wie das Kind im Mutterleib auf ständige Untersuchungen reagiert. Von hoch frequentem Doppler-Ultraschall wird etwa in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft abgeraten – die Wachstumsfugen der Knochen des Ungeborenen könnten geschädigt werden. Noch weiß man wenig, welche Bindung eine Mutter an ihr Kind entwickelt, wenn sie es mit Vorbehalt in sich trägt.
Wie sagt der Arzt, die Ärztin, einer Patientin, dass ein Verdacht auf eine Fehlbildung vorliegt? Wer macht deutlich, dass jede Diagnose auch von der Erfahrung der Mediziner abhängt, der Qualität der technischen Geräte, der Fruchtwassermenge und ähnlichem? Wer begleitet die Eltern bei der schwierigen Antwort auf die Frage nach den Konsequenzen „auffälliger“ Befunde?
Diese neue Mutter-Kind-Pass-Bestimmung ohne breite öffentliche Diskussion zu verordnen, halte ich für höchst problematisch.
Und Frauen mit Geldentzug zu bestrafen, wenn sie sich der Untersuchung verweigern, ist eine Bevormundung, die man nicht einfach hinnehmen sollte.
Dr. Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift Welt der Frau.
christine.haiden@welt-der-frau.at
[http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/haiden/art13342,315104]

Liebe Claudia, erstmal wünsche ich Dir noch ein gesundes neues Jahr.
AntwortenLöschenWas Österreich da vor hat, finde ich ziemlich krass. Was hat denn das Kindergeld mit der Schwangerschaft und sämtlichen Untersuchungen oder Krankheiten zu tun? Und was ist, wenn das Kind krank ist oder ein Chromosomen mehr hat? Gibts dann kein Kindergeld? Ehrlich gesagt finde ich es widerlich und es erinnert mich doch irgendwie an die Hit***-Zeit, nur das man wohl in Österreich gleich während der Schwangerschaft "aussortiert". Es hat doch jedes Kind ein Recht auf Leben und die Mutter sollte selbst entscheiden dürfen, welche Untersuchungen sie machen läßt. Dann ist es in Österreich sicherlich völlig egal, wenn eine Schwangere raucht, Alkohol oder Drogen zu sich nimmt, hauptsache die 3 Untersuchungspunkte wurden erledigt. Völlig unverständlich!
Liebe Grüße Yvonne
Ja, liebe Yvonne, eine fast schon unglaubliche Entwicklung, die mich sehr traurig werden lässt. Es ist beängstigend, solche Dinge lesen zu müssen...ich will ein Zitat anbringen, dass die wunderbare Sabine in der DS Mailingliste in diesem Zusammenhang übernommen hatte:
AntwortenLöschen"Jede Frau, die sich im Zeitalter der Pränataldiagnostik
für ein Kind mit Behinderung entscheidet,
steht als Zeichen dafür, dass Menschen noch die Möglichkeit haben,
im Zweifel den Weg des Mensch-Seins zu wählen.
Gehen wir sorgsam mit dieser Freiheit um,
denn wer weiß, ob wir nicht die letzte Generation sind,
der sie bedingungslos zugestanden wird."
(Paula-Maria Breunes)
Nachdenkliche Grüße,
Claudia