
Wenn man all diese Erfahrungen gesammelt hat, wird man sensibel für bestimmte Wörter, Themen usw., und dann scheint es manchmal, dass das Auge auf magische Weise dorthin geführt wird. So geschehen heute morgen, beim Lesen unserer lokalen Tageszeitung. Unter Weltchronik, ganz unten rechts:
"MIT BLUTTEST GEGEN DOWN-SYNDROM
Washington. (dpa) Ein Bluttest kann das Down-Syndrom künftig womöglich schon in frühen Stadien der Schwangerschaft ohne Gefährdung des Fötus erkennen. US-Wissenschaftler haben ein Verfahren entwickelt, bei dem eine Blutprobe der Mutter ausreicht, um eine Chromosomenstörung zu diagnostizieren. Auch die anderen Fehlbildungen, die auf eine Erhöhung oder Verminderung der normalen Chromosomenzahl zurückgehen, lassen sich mit dem Verfahren aufspüren, berichten die Forscher in den "Proceedings"der US-Akademie der Wissenschaften, In Blutproben von insgesamt 18 schwangeren Frauen spürten die Forscher mit ihrer Methode alle 12 Chromosomenstörungen auf, die zuvor durch konventionelle Verfahren festgestellt worden waren. Die Diagnose gelang schon in der 14. Schwangerschaftswoche."
Was denke ich?
1. Haben die eigentlich nichts besseres zu tun, wie wäre es denn sich mal um den Hunger in anderen Ländern zu kümmern und sich Gedanken über den Anbau von Nahrung in bestimmten Gebieten dieser Erde zu machen? Ach halt, stop, damit kann man ja kein Geld verdienen. Genau, mit einer einfachen Blutuntersuchung GEGEN das Down-Syndrom, ja da kann man ja Geld machen.
2. Jetzt fällt die letzte Hürde, das was viele Frauen abgehalten hat, das Risiko einer Fehlgeburt bei einer Fruchtwasseruntersuchung. Für mich war es damals ausschlaggebend - wir haben das Thema angesprochen, ich wußte um die Gefahr der Fehlgeburt, sei sie auch noch so gering, und habe mir dann, aber erst im zweiten Schritt, gedacht - was kommt, das kommt, es ist mein Kind. Egal wie.
3. Werden diese Frauen aufgeklärt? Ich meine richtig aufgeklärt, und nicht so grottenschlecht wie in dieser ARD-Sendung vor gar nicht allzulanger Zeit. Zwei Paare, beide erwarten Kinder mit schwersten (so sagte man, aber nicht näher ausgeführt) Behinderungen und Down-Syndrom. Ein Paar entscheidet sich für, das andere gegen das Kind. Vor der Abtreibung das NEUTRALE Gespräch. ÄRZTIN:" Ja, sehen Sie mal hier auf dem Ultraschall, ein ganz plattes Gesicht, jaja, also da sieht man das ja ganz deutlich, ja, doch." Schwenk der Kamera, mitleidsvolles Gesicht der Ärztin, hoffnungslos überforderte Mutter. Nach der Abtreibung: Nicht mehr Mutter fragt den Arzt, ob er ihr Baby gesehen hat, ob es denn wirklich so einen dicken Bauch gehabt hat, Arzt ist total unwohl in seiner Situation und verweist nur auf die Ultraschall-Fotos, da könne man das alles besser sehen, blabla. Sie weiß nicht, dass ihr Baby wohl ziemlich zerfetzt wurde?
4. Ich bin traurig darüber, aber ich glaube nicht, dass viele Menschen den Mut haben werden, nach einer derart einfach festgestellten Trisomie den Weg mit ihrem Kind zu gehen. Ich glaube, sie werden vergessen, dass es ihr Kind ist, sie werden sich sagen, das sie ihrem NICHT LEBENSWERTEN Kind das lieber alles ersparen werden, und sie werden denken, dass das schon wieder wird, neuer Versuch, neues Babyglück, diesmal vielleicht ohne Trisomie. Sie werden aber vielleicht nicht daran denken, das der Gedanke wissentlich und wollentlich zum Mörder des eigenen Kindes geworden zu sein immer in ihrem Kopf sein wird. Ein lebensfähiges Kind (nehmen wir mal nur den Fall der Trisomie 21, die anderen Trisomien vermag ich einfach nicht zu beurteilen) abzutreiben, nur damit man selbst in seiner kleinen heilen Welt weiterleben kann, in seiner Bilderbuchfamilie? Ich könnte niemals damit leben. Es wäre immer da. Ich würde mich immer fragen, wie dieser kleine Mensch wohl geworden wäre.
5. Vielleicht gibt es aber doch mehr von diesen Menschen, wie das andere Paar im Film, die sich zu ihrem Kind bekennen, die ihm ihre ganze Liebe schenken, die es annehmen wie es ist. Die die Zeit durch eine frühzeitige Diagnose nutzen, um sich einzulesen, um zu erkennen, wieviel möglich ist, um zu erkennen, welches besondere Strahlen Kinder mit Down-Syndrom ausüben, wie sie einen gefangen nehmen in ihrer Welt, und wie sehr sie das Leben verändern können. Die die Zeit nutzen, eine Familie mit einem jugendlichen Kind mit Down-Syndrom zu besuchen.
Das Kind in der Sendung ist kurz ver der Geburt im Mutterleib gestorben. Das Herz hat einfach aufgehört zu schlagen. Und irgendwie muß ich schon weinen, wenn ich mich nur daran erinnere. Sie waren so traurig. Als die Eltern gefragt wurden, ob es denn nicht vielleicht alles umsonst gewesen sei, ob man sich nicht doch besser für einen frühzeitigen Abbruch der Schwangerschaft entschieden hätte, verneinen sie dies vehement. Sie würden alles wieder so tun. Wieviele Menschen gibt es, die so ihre Entscheidungen treffen?
6. Hoffentlich helfen eben diese Akionen, Bloggen um auf das Down-Syndrom aufmerksam zu machen, die Fahne hoch zu halten. Es gibt harte Tage, ja klar, aber gibt es die mit Kindern mit 46 Chromosomen nicht? Es gibt keine Garantie für ein lebenslang gesundes Kind. Hoffentlich denken die werdenden Mütter und auch die Väter daran, die sich diesem Bluttest unterziehen, von dem sie ihr weiteres Leben abhängig machen.